Atlas aus dem Papierflieger

Maximilian Wust - Atlas aus dem Papierflieger

Atlas aus dem Papierflieger
Eine Erzählung von Maximilian Wust
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AUS EINEM PAPIERFLIEGER.

Ich traf einmal einen Mann aus einem Papierflieger.

Seine Einladung, wenn man so will, erhielt ich damals, kurz nach dem Ende der DDR, an einem ungewöhnlich trüben Morgen und natürlich auf dem Weg zur Arbeit. Ich raste in meinem alten Golf über die Autobahn und wollte gerade einen leeren Kaffeebecher aus dem Fenster werfen, wie der Umweltsünder, der wir alle sind. Aber kaum hatte ich die Scheibe einen Spalt breit aufgekurbelt, segelte ein Papierflieger hinein, stieß gegen meine Stirn und ließ mich beinah gegen einen BMW auf der dritten Fahrspur knallen. Hundertfünfzig Stundenkilometer spürt man wirklich erst, wenn man sie nicht mehr unter Kontrolle hat …

Als ich endlich am Seitenstreifen angehalten und bis auf meinen Stolz keine Verletzungen davongetragen hatte, entpuppte sich dieser verfluchte Papierflieger als ein Brief, also eben besagte Einladung: Mit geradezu anmutiger Handschrift bat ein Unbekannter denjenigen, der diese Nachricht las, ihn an einer genau definierten Adresse zu treffen. Fahrtkosten, Hotelrechnungen und eventuelle R-Gespräche würde er übernehmen. „Nur bitte, kommen Sie!

Ein verzweifelter Sonderling, war mein erster Gedanke, der vermutlich an die eintausend Papierflieger über der Autobahn ausgeleert hat, bis mal eine traurige Seele zusagt. Vielleicht war es meine Neugier, vielleicht aber auch meine Hoffnung, meinem Leben als nun 40-jähriger Junggeselle wieder etwas Würze zu verpassen, aber ich nahm die Einladung an.

Zwei Telefonate und nur eine Woche später reiste ich zu seinem Wohnsitz. Es war eines von diesen Dörfern, die in billigen Reiseführern als geschichtsträchtige Orte angegeben werden und dann mit Attributen wie pittoresk oder malerisch überschüttet. Über tausend Jahre alt, historische Fassaden, mit sogar noch einen richtigen Steinbrunnen in der Stadtmitte, aber dazwischen Straßenschilder, Stromleitungen und Telefonzellen. Wo die Moderne das Mittelalter frisst, würde der Kunstkritiker jammern. Wahrscheinlich fehlte für die Modernisierung einfach nur das Geld.

Kaum war ich angekommen, hatte ein Zimmer gemietet und mein erstes Bier getrunken, erzählten mir die Kneipenbesucher von einem Traum, den angeblich alle hier im Dorf schon geträumt hätten: Sie wären Atlas gewesen, dieser – griechische? Ja, griechische! – Gott mit Vollbart, der die Welt trägt oder hätten ihm zugesehen oder sogar sein Leid geteilt. Ein Stammsäufer faselte dazu noch von Städten, die in seinen Träumen brennen. Und einem Mann, der alle Städte der Welt brennen lassen kann.

In der Nacht träumte ich von diesem Mann. Und von Atlas. Das machte mir Angst.

 

Der Unbekannte, den ich hier treffen sollte, war sogar eine recht zweifelhafte Berühmtheit: nämllich als ein absoluter Pechvogel. Ein Schlimazel, wie Jude sagen würde. Kein Auto hielt ihm länger als zwei Jahre, erzählte der Säufer. Ständig würden seine Wohnungen verschimmeln, erzählte der Wirt. Alle drei Monate würde es ihn ins Krankenhaus verschlagen, die Bedienung. Aber am allerschlimmsten wäre das mit seinen Frauen gewesen: Zweimal habe dieser „Blitzableiter Gottes“ geheiratet, zweimal wäre die Gattin sofort danach verstorben, eine, weil ihr ein morscher Dachbalken in den Nacken knallte; die andere durch einen entgleisenden Zug, der seltsamerweise nur sie erfasste und dann zurück auf’s Gleis sprang – immer an nachweisbar natürlichen Ursachen. Eine dritte Frau wäre ihm dann zum Glück früh genug davon gelaufen.

Besagter Pechvogel war ziemlich groß, 1,90 mindestens, hatte rotblondes Haar, jede Menge Sommersprossen, dazu noch etwas Kauziges an sich und sah für seine Vierzig ziemlich mitgenommen aus. Sogar für einen Blassen war er blass.

Seine Begrüßung war wie erwartet anders als erwartet: Er hätte sich jemand anderes vorgestellt, bemerkte er ganz uncharmant. Aber damit hatten wir schon eines gemeinsam.

Ich wurde auch sofort Zeuge seines berühmten Pechs: Wir schüttelten uns lediglich die Hände, da traf ihn ein herabfallender Blumentopf in die Schulter und renkte sie ihm beinah aus. Er würde mich ja auf einen Kaffee einladen, bot er gleich danach an, habe aber wohl vor zwei Tagen wieder seinen Geldbeutel verloren. Wieder. Zum wahrscheinlich dreißigsten Mal. Und als ich das übernahm, verschüttete die Bedienung das heiße Gebräu über sein schönes, weißes Hemd – das Letzte, das noch keinen nicht mehr entfernbaren Fleck abbekommen hatte, scherzte er und verbrühte sich die Zunge am viel zu heißen Ersatz-Kaffee. Ach ja, kaum hatte er das erste Stück Käsekuchen in den Mund genommen, entdeckte er, dass dieser einem ganzen Ökosystem aus Schimmelsorten eine Heimat bot.

„Sie sind wirklich vom Pech verfolgt!“, bemerkte ich voller Mitleid.

Seltsamerweise lachte er dabei auf. So schlimm wäre es normalerweise ja nicht – dieses Mal müsse er nur etwas demonstrieren.

Ich verstand nicht. „Wie meinen Sie das? Können Sie Ihr Pech kontrollieren?“ Das meinte ich als Scherz.

Genau das wäre aber der Fall, bestätigte er und meinte es absolut ernst. Als finale Demonstration bat er mich, ihn zum Kiosk um die Ecke zu begleiten … und noch mal etwas Geld für ein Rubbellos vorzustrecken. Auf dem Weg dorthin erzählte er mir die Geschichte, wie er den Brief vom Stephansdom aus losgeschickt hätte. Also, in Wien, von wo aus er über eintausend Kilometer und direkt in mein Auto flog. Schwachsinn, schimpfte ich noch. Nicht einmal Ballone kommen so weit! Dann kaufte er sich ein Rubbellos.

Was er nun tat, war falsch, behauptete er auf einmal. Überaus und in jeder Hinsicht falsch. Aber anders würde ich ihm nicht glauben. Er rubbelte alle drei Felder frei. Und gewann mal eben zehntausend Mark!

Zufall glauben Sie jetzt! Er kaufte ein weiteres Rubbellos, diesmal von einer anderen Lotterie und hatte eine Sofort-Rente in den Händen – zweitausend Mark, jeden Monat, 15 Jahre lang. Er könne auch noch die wöchentliche Lotterie gewinnen, erklärte er. Aber seinen Punkt hätte er bereits dargebracht: Glück und Pech unterlagen seiner Kontrolle.

Ich staunte. Wahrscheinlich erwartete ich immer noch, dass gleich Harald Schmidt und sein Team von Verstehen Sie Spaß? um die nächste Ecke kamen. Ein Fernsehteam mit einer Handvoll vorbereiteter Streiche – das wäre die einzig logische Erklärung! Aber nichts dergleichen geschah. Der Herr über das Schicksal schenkte mir sogar die zwei Hauptgewinne. Er würde sie sonst eh auf dem Heimweg verlieren.

Wieder zurück im Café erwachte ich schließlich aus meiner Schockstarre: „Wenn Sie das Glück kontrollieren können“, fragte ich, „warum haben Sie dann soviel Unglück? Freiwillig?“

Er lächelte, nur um gleich die Lippen zusammenzupressen. Als Erklärung bat er mich, mir vorzustellen, wie es sich wohl anfühlen würde, das alleinige Gegengewicht einer riesigen Waage zu sein.

„Ich verstehe nicht.“

Auf der einen Seite wäre er, auf der anderen die ganze Welt und das in tausendfacher Intensität. Wenn ihm nun hier ein Blumentopf auf die Schulter fiel, würde anderswo ein Massaker verhindert werden. Wenn sein Auto stehen blieb, schlugen irgendwo hundert Herzen weiter. Eine Brise alltägliches Pech auf seiner Seite würde einen Sturm von Glück für alle anderen bedeuten. Andersherum jedoch …

Ich starrte geschockt auf die beiden Rubbellose.

Ein Militärputsch und eine Hungersnot, erklärte er. Oder etwas vergleichbar Schlimmes. Jede Mark ist ein Leben. Das ist nicht ganz wahr, aber seine Faustregel, sagte er. Denn genau das wäre die Verantwortung eines Atlas’: Das Gewicht der Welt auf seinen Schultern zu tragen – im wahrsten Sinne des Wortes.

„Wenn es so eine Macht wirklich gibt, was waren dann die letzten beiden Weltkriege?“, überlegte ich laut.

Er zögerte. Zwei seiner Vorgänger, zwei Atlas’ vor seiner Zeit, hätten es sich gut gehen lassen. Sie badeten im Glück, während die Welt beinah im Blut ertrank. Erst der letzte Atlas habe sich aufgeopfert, wahrhaft, und sich von Krankheiten zerfressen lassen, um den ganzen Schaden wiedergutzumachen und damit der Kalte Krieg nicht im atomaren Feuer endete. Was zu mitunter kuriosen Zufällen führte: Stanislaw Petrow und Wassili Archipow – falls ich je von diesen Männern gehört hatte – wären nur zwei Beispiele, wie um ein Haar und durch bizarr glückliche Fügungen ein Superkrieg verhindert wurde. Sein Vorgänger, scherzte der rothaarige Pechvogel, hatte diese beiden Männer immer als sein linkes und rechtes Auge bezeichnet, denn er war nach eigenen Aussagen dafür erblindet.

Während dieser … Atlas vor sich hin argumentierte, arbeitete mein Hirn schon an einem nächsten, noch dunkleren Gedanken: „Was war mit ihren Frauen?“

Mein Gegenüber verstummte.

„Ja, ich habe davon schon gehört“, eröffnete ich. „Haben Sie Ihre Frauen auch für den Weltfrieden geopfert?“

Er schwieg, seine Lippen zitterten und schließlich gab er es zu: Sie hätten von seinem Fluch gewusst, ihn verstanden und sich freiwillig dafür hergegeben. Sie hätten sich zu seinem Glück gemacht, damit sie ihm als das genommen werden konnten. Beide baten ihn darum, für die Welt sterben zu dürfen. Es gab sogar noch eine dritte Geliebte, bei der es aber nicht mehr übers Herz brachte, sie auch noch mit in sein Schwarzes Loch zu ziehen.

„Die Leute hatten also Recht“, gab ich wütend zurück, fast so laut, dass es die Bedienungen hören konnten. „Sie haben diese Frauen ermordet!“

Das hätte ich nicht sagen sollen. Der Atlas nahm einen letzten Schluck aus seinem wieder zu heißen Kaffee und lehnte sich vor.

 

In seinen Augen lag auf einmal eine ehrliche, tief verwurzelte Wut. „Ich bin wie ein guter ein Hausmeister“, begann er. „Wissen Sie, was einen guten Hausmeister ausmacht? Man bemerkt gar nicht erst, dass er da ist. Aus dem Hahn kommt immer Wasser, aus der Steckdose Strom und die Mülleimer werden stets ausgeleert, bevor man sich darüber beschweren könnte. Das Traurige ist nur, dass die Leute das eines Tages als selbstverständlich sehen. Die Menschen von heute kennen keine Pest mehr, die alle sieben Jahre ausbricht und Millionen das Leben kostet oder einen Krieg, der alles zerstört, was einem lieb und teuer ist. Sie fragen sich gar nicht mehr, warum die Mülleimer immer leer sind.“

Hinter seinen Pupillen entdeckte ich nun nackten, alles vernichtenden Hass. Da war wirklich ein Mann, der Städte brennen lassen konnte, aber sich stattdessen wieder und wieder für eine Welt opferte, die ihn gar nicht erst wahrnahm. Ich weiß nicht, ob es wirklich passiert ist, aber ich glaube, dass sich draußen vor dem Café der Himmel verdunkelte. Der Atlas sprach währenddessen weiter: „Die Menschen von heute sind Patienten, die von einem lebensgefährlichen Tumor gerettet wurden, aber dafür dem lieben Gott anstatt dem medizinischen Fortschritt und dem Chirurgen danken. Sie kennen es nicht anders und halten alles für selbstverständlich.“

Ich wollte etwas sagen, schaffte es aber kaum den Mund zu öffnen, bevor noch lauter weitersprach.

„Meine Frauen – ich habe sie geliebt; und wie ich sie geliebt habe – opferten sich, damit aus einer kleinen Schießerei bei Sarajevo kein Krieg wurde und damit die Massaker von Schatila und Sabra nur Massaker blieben! Die Welt unter einem selbstsüchtigen Atlas ist ein Dreißigjähriger Krieg oder der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert, als damals ein Drittel aller Menschen in Europa verreckte. Oder noch schlimmer: Die Welt ohne einen Atlas ist … der Fall Roms, der Untergang der Maya oder ein Sumererreich, das im Wüstenboden verschwindet. War ein Atlas selbstsüchtig oder starb, ohne einen Nachfolger zu bestimmen, war die Welt drauf und dran in ihren Ursprungszustand zurückzufallen!“

Der da wäre, fragte ich kleinlaut. Ein Königreich der Tiere?

Die Mächte, die da sind – so nennen sie sich selbst – verstanden vor langer Zeit, dass die Welt zum ewigen Stillstand verdammt ist, wenn sie nicht für ein Gegengewicht sorgten. Was sie taten! In ihrer absoluten Skrupellosigkeit wählten sie einen Menschen aus, der alles Pech der Welt ertragen muss: Atlas, Prometheus, Osiris, Asasel oder wahrscheinlich auch Jesus Christus – es gab und gibt viele Namen für die andere Seite dieser verrückten Schicksalswaage. Was jetzt aber keine Rolle spielt. Können Sie sich vorstellen, warum ich Sie hierher geholt habe?“

Die Antwort kannte ich längst.

„Ich bin krank. Das Gegengewicht zu allem Unglück der Welt zu sein, hat seine Spuren hinterlassen. Seit Anfang des Jahres habe ich Diabetes vom Typ Zwei, noch dazu eine besonders aggressive Form. Meine Wunden werden bald nicht mehr heilen, vielleicht verliere ich ein Bein oder werde blind, ganz bestimmt aber nicht alt. Ich möchte jetzt in den Ruhestand und wenigstens ein paar letzte Jahre ohne diese zermalmende Verantwortung verbringen. Dafür diente dieser Brief. Ich möchte Sie darum bitten, mein Nachfolger zu werden.“

Wieso ich?

„Weil Sie genau dieselben Dinge ankreiden, wie ich damals. Weil sie nichts zu verlieren haben, keine Freunde oder Familie. Weil der Brief bis nach Paderborn geflogen ist, um Sie zu finden. Weil irgendwo dafür zwanzig Menschen hingerichtet wurden.“

 

Vielleicht war das einer zu wenig. Vielleicht sogar noch mal zwanzig. Vielleicht hätte der Papierflieger einem anderen Autofahrer gegen die Stirn prallen sollen; der Frau vor mir oder dem Wutnuckel hinter mir oder dem Fahrer des BMWs, den fast gerammt hätte, ganz praktisch wie so ein Strafzettel in die Scheibenwischer. Vielleicht.

Denn ich lehnte ab.

Wenige Jahre später tobte in Jugoslawien der Krieg. Hunderttausend Menschen starben, Millionen wurden vertrieben, das Land zerbrach.

 

— Maex, 2008