Des Jeden Ende

Maximilian Wust - Des jeden Ende

Des Jeden Ende
Eine Horror-Erzählung von Maximilian Wust
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KEIN MENSCH WEISS, wann und wie er sterben wird.

Kein Unfallopfer stand je an seinem letzten Morgen auf und wusste, dass die Geschichte seines Lebens gerade den Schluss erzählt. Dass er heute, am Ende des Weges zwischen Schichtende und Feierabendcouch über eine nasse Straße schlittern und sterben wird, an der Garagenwand seines Nachbarn. Kein alter Mann kam je vom Einkauf nach Hause und spürte, dass der Countdown des Lebens gerade zweistellig wurde. Dass alles, was er je geschafft, durchlebt und erlitten hat, heute sein Ende finden wird und er an den Folgen einer Lungenembolie kopfüber in die Fernsehzeitung stürzt, wo man ihn dann am nächsten Tag findet. Kein Todkranker erwachte jemals mit einem heftigen Hustenanfall und war sich bewusst, dass es jetzt gleich zu Ende wäre, selbst wenn er sich bereits im Endstadium des Endstadiums seiner Tumorerkrankung befand. Selbst wenn jemand den Tod nahen sah, so glaubte jeder Sterbende stets, noch etwas Zeit zu haben – ein paar Sekunden, eine Minute, ein Jahr.

Einfach jeder.

Zum Tode verurteilte Verbrecher kennen vielleicht das Privileg eines genauen Zeitpunkts, einigermaßen. Wenn es nicht in Japan geschieht, wo man diese armen Teufel jeden Tag mit Ungewissheit foltert und sie meist erst Minuten vor dem Ende auch davon unterrichtet, dann können Verurteilte ihren Todeszeitpunkt voraussagen, teilweise auf die Stunde genau. Selbiges gilt wohl auch für Selbstmörder und Amokläufer. Aber auch sie wissen nicht, wann und wie genau der Tod eintritt. Sie geben sich nur nicht mehr der Illusion hin, ewig leben zu können.

Die Wahrheit ist jedoch: Der Tod kommt immer überraschend. Ob am Galgen, ob mit dem Lauf einer Waffe im Mund, ob nach einem langen Leben oder bei einem tödlichen Blutsturz, dem ein Vollrausch jedes Wochenende vorausging. Kaum jemand ahnte, dass es heute soweit sein würde und garantiert niemand wann genau.

Natürlich greift auch hier die menschliche Natur und man hat auch darüber den süßen Deckmantel der Mystifizierung gelegt. Wenn jemand stirbt, für die anderen meist so überraschend wie für ihn selbst, sieht man gerne Zeichen. Man wird sagen, er hätte sich anders verhalten, es vielleicht vorausgesehen und abgeschlossen, sich verabschiedet, ohne es selbst zu merken. Er hat gut gegessen, gelacht, friedlich gewirkt, mit sich im Reinen. Hätte einen seltsamen Satz von sich gegeben. Man wird vom Schicksal sprechen, um sich irgendwie die Kontrolle über etwas einzureden, was nun einmal nicht kontrollierbar ist.

Denn genau das ist der Tod: Ein Zufall, der grausamste aller Zufälle, aber dennoch reiner, unkontrollierbarer, gnadenloser Zufall. Er die tödliche Injektion. Er ist ein Auto auf der Gegenfahrbahn, dessen Fahrer die Straßennässe unterschätzt. Er ist eine Zelle, deren Druckempfinden plötzlich nicht mehr richtig funktioniert, worauf sie sich nicht selbstzerstört – die Apoptose durchführt, wie die Biologen sagen –, sondern unkontrolliert ausbreitet. Es ist die beste Freundin der Ehefrau, die ihr im genau richtigen Moment einredet, dass ihr Leben mit diesem ständig depressiven Typen nicht mehr funktioniert. Er ist eine Patrone, eine von Millionen und Milliarden, deren Flugbahn ein menschlicher Körper im Weg steht und die sich im genau richtigen Winkel in das genau falsche Organ bohrt.

Für diejenigen, denen er widerfährt, ist er stets eine unvorsehbare Überraschung.

***

So auch für Rico.

Der gutaussehende, selbsternannte Glückspilz war 27 Jahre alt, als der Tag kam und wie jeder andere war er so ahnungslos, wie er nur hätte sein können. An diesem Freitag stand er auf, wie immer, weil der Wecker es so bestimmte, schleppte sich aus dem Bett, in die Arbeit und ging etwas früher als sonst nach Hause. Nicht, weil es dieser eine Tag war, sondern weil sie zum Wochenende hin oft früher gingen. Er machte wie jeden Morgen ein  gesundes, ausgewogenes Frühstück, ganz spießbürgerlich, und freute sich darauf, wie jedes Wochenende lange auszuschlafen.

Er hatte ein Leben, so gewöhnlich und doch farbenfroh, wie das eines jeden anderen: Da war eine schöne Wohnung in der Innenstadt, eine bildhübsche Freundin, die sich nicht nur mit Dreißig den Körper einer Zwanzigjährigen erarbeitet hatte, sondern auch mit Schlagfertigkeit und Klugheit aufwarten konnte – die legendäre Zehn von Zehn –, dazu einen guten Job mit guter Bezahlung und vielen Aufstiegsmöglichkeiten, gute Freunde, guten Whiskey.

Eine Zukunft. Nein, die gab es nie. Es ist bedeutungslos, darüber nachzudenken, was hätte sein können. Es ist nie gewesen. Nur eine Illusion, die man sich schafft, um an den freien Willen glauben zu dürfen. Was wäre wenn, vielleicht wenn anders – so denkt man, weil man eine Wahl haben möchte, weil es andere Möglichkeiten, andere Antworten und andere Enden hätte geben können. Besser: geben muss! Als hätte dieser Mensch an diesem Tag nicht sterben müssen. Nein, Rico hatte nie Zukunft gehabt.

Vom Anfang aller Zeit hatte die Kausalität sein Schicksal längst besiegelt. Der Zufall stellte alle Weichen, so dass er sich an jenem Tag gegen mich in Mario Kart versuchte. Und in Mario Kart, Junge, da fahre ich meine Gegner dermaßen in den virtuellen Asphalt, dass einfach nix mehr von ihnen übrig bleibt, von der Spielfigur wie vom Spieler. Ich zerfahre sie zu Staub und fick sie mit Grünen Schildkrötenpanzern, bis sie Rote bluten. An diesem Freitag, da habe ich ihn vernichtet.

Man sagt, er habe nie wieder aufgehört, zu weinen.

 

– Maximilian, 2017