Piep, piep, piep!

Maximilian Wust - Piep, Piep, Piep

Piep, piep, piep!
Eine Erzählung von Maximilian Wust
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„DAS KENNSTE DOCH:

Wenn man am Morgen hingerichtet wird. Klingt jetzt übertrieben, hat aber jeder schon mal so erlebt: Du wachst auf und es ist fast zappenduster. Dein Zimmer wär‘ eine Gruft, wenn da nicht der Wecker wär‘. Auf seinem Display glühen die Zahlen im Dunkeln, wie so rote, böse Vampiraugen. Stört dich nicht. Oder halt schon lange nicht mehr.

Aber, was dich stört, ist dieses Gefühl: Manchmal wacht man mitten in der Nacht auf und checkt, dass es noch genau das ist: mitten in der Nacht. Dann schaust du auf den Wecker, der‘s dir sagt, nämlich dass du noch vier oder jedenfalls genug Stunden bis zum Wachwerden hast. Und das ist … wie wenn man im Kühlschrank ein Bier findet, obwohl du absolut sicher warst, dass du längst auf dem Trock‘nen liegst. Wie so eine Erlösung halt. Wasser in der Wüste.

Was ich aber mein‘, ist anders: Manchmal spürst, weißt du, dass du bestenfalls fünf Minuten vor dem Gebimmel aufgewacht bist und der Vampiraugen-Wecker leuchtet’s dir auch ins Gesicht: Eins vor Sechs. Eine Minute vor Wecklärm. Dein Hirn wollte sich wohl das Wachgeschütteltwerden sparen. Klar, du könntest jetzt einfach aufstehen, dich halt fünf Minuten früher in den Tag gähnen, aber weil du halt du bist und du auch du bleiben wirst, bleibste lieber noch ein bisschen liegen. Und diese Zeit, diese eine Minute bis zum Piep, piep, piep!, das ist so, als würdest du auf deine Hinrichtung warten. Als würdest du in den Lauf schauen, der dich gleich wegpusten wird und du weißt, das es jeden Moment knallt. Oder halt piept. Gleich ist es soweit. Gleich. Jeden Augenblick.

Aber wenn es dann losgeht, bist du trotzdem nie drauf vorbereitet. Piep, piep, piep!, fickt es deine Laune aus der Dunkelheit. Laut und ätzend und nervig. Das ist immer so, als würde man dich erschießen.

   Piep, piep, piep!, pisst der Weckbalken ohne Pause. Peng!, würd’s besser treffen.

   Piep, piep, piep! Keine Gnade. Für niemanden.

Wecker sind eine Volksfolter, hat mein Schwager immer ganz treffend gesagt.

Du wirst also wach, nich’ unbedingt freiwillig und greifst nach dem kleinen Piepsmonster, um ihm bloß irgendwie das Maul zu stopfen. 6 Uhr – viel zu früh, sagste dir. Auch halt, weil du weißt, dass du heute wieder nix zu tun hast. Den Wecker haste dir nur eingestellt, damit du nich’ immer bis Mittag schläfst – damit die Schlafhygiene nicht noch mehr leidet, um noch mal meinen Schwager zu zitier’n.

Du könntest jetzt aufstehen, sagste dir. Du könntest aber auch noch bisschen weiter sägen. Ist jetzt nich‘ so, als würde dich heute jemand brauchen. Also gibste dir noch ´ne Stunde, stellst se auf’m Wecker ein und zurück geht’s ins Kopfkissenland. Endlich wieder Ruhe, endlich schlafen. Noch ein bisschen.

Fünf Minuten später dann: Piep, piep, piep! Also, nicht wirklich fünf Minuten später, aber dir kommt’s halt so vor. Es ist 7 Uhr. Und du bist immer noch zu müde. Und weil du immer noch du selbst bist, wiederholste das Spielchen und gibst dir noch eine Stunde.

Und dann wieder: Piep, piep, piep! Jetzt isses 8. Aber jetzt biste nicht nur müde, sondern fühlst dich auch noch wie vom Auto überfahren. Irgendwie zermatscht halt. Immer nur eine Stunde möchtegernschlafen und dann wieder geweckt werden, das war noch nie gut für einen, denkste dir und bist sauer – auf den Wecker, auf deine Schlafhygiene und vor allem auf dich selbst.

Du fängst mit dem Verhandeln an. Alles klar, den Wecker stellste jetzt nich’ mehr ein, aber fünf Minuten sind ja wohl noch erlaubt … aus denen mal eben noch ´ne Stunde wird. Als du die Augen wieder öffnest, ist’s 9. Wenn du dann endlich aufstehst, zeigt der Wecker was von 10. Und bis du dich dann wirklich aus der Bettdecke pellst, wie aus ´nem Ei, isses 11. Super! Gleich dann kommen auch schon die Vorwürfe, von dir an dich selbst: Eigentlich wolltest du nämlich was gegen deine latente Faulheit tun. Noch Anfang der Woche haste dir riesig was erzählt, von wegen pünktlich aufstehen, Krafttraining, zwanzig Runden laufen; dass du aus dieser Sache als Muskelfreak rausgehst. Nur hast wieder mal die Rechnung ohne deinen inneren Schweinehund gemacht.

Du stehst also auf, wie so ´n Zombie, schleppst dich ins Bad, zum Klo, betreibst bisschen richtige Hygiene zur Morgenhygiene und zwingst dich in deine Klamotten und dann noch irgendwas Koffeinhaltiges in dich. Das Frühstück schmeckt so wie du dich fühlst und nützt auch nix gegen die Müdigkeit. Aber immerhin fängt der Tag doch endlich mal an.

So gegen Mittag klapperst du dann deine Checkliste ab und kapierst dabei gleich auch noch, dass du wieder mal nix zu tun hast. Wasser ist okay, Luft, Strom, Schleusen, die Messgeräte, das Signal. Du kannst ja nicht mal sagen, ob was wär‘, sondern nur vom Computer ablesen, ob alles OK oder Malfunction ist. Danach machst deinen Rundgang und vielleicht noch ein bisschen sauber. Du ärgerst dich. Is’ scheiße, jeden Morgen von Beton und summenden Lampen begrüßt zu werden. Nur Beton. Blond wär eher dein Ding gewesen.

Bis du mit dem Alltagskram fertig bist, isses so gegen Eins. Weil mehr als ´ne Stunde braucht das selten. Und den Rest vom Tag? Kannste wichsen, bis wirklich kein Tropfen mehr rausgeht. Essen, zu viel, aus purer Langweile, Lesen, Solitär spielen, mit Stofftieren reden. Kacken. Stundenlang, als würdest du meditieren. Mit der Malkreide bin ich inzwischen ganz gut geworden, bis sie mir vor so ´nem halben Jahr ausgegangen ist. Korridor E1 und E2 sind meinte Tittengalerien geworden.

Aber sonst?

Telefonieren, Internet, Chatten darfste nich‘ – Geheimhaltung und so, wegen den blöden Tierschützern. Rausgehen kannste nich‘ – wegen der Strahlung und dem Morgentau und so weiter. Mit den Projekten reden darfste nich‘. Wären jetzt auch keine besonders spannenden Gespräche. Die Schweine schaffen um die fünfzig Wörter, die Pferde um die hundert, aber das war‘s. Ich Hunger. Will Essen. Mehr kriegen die eh nicht hin, wenn sie sich überhaupt als Ich verstehen und Fragen stellen sie eh noch keine. Im Biologieunterricht hieß es ja immer, dass nur Menschen Fragen stellen, dass uns das von Tieren –

Wozu auch überhaupt irgendwas mit ihnen machen? Alles was da gerade von diesen dauergrinsenden Roboter-Psychokillern ausgebildet wird, wird bis zum Ende eh wieder eingeschläfert, ganz human, wie mein Schwager meinte, weil keiner einen Prototypen braucht. Ansonsten kannste da eh nicht drauf einwirken. Der Computer macht das mit der Zucht, schnipselt da mit den Genen rum und lässt die klügsten Ergebnisse großziehen. Und einschläfern. Die ganze Zeit. Das hier ist eine Leichenfabrik, sag‘ ich dir. Und wenn er doch mal Hilfe braucht, schickt er die Daten an die Zentrale, wo dann die ganzen Zitteraugen mit Chips im Horn ihre ach so schlauen Entscheidungen treffen … die sie dann immer gleich wieder zurücknehmen, weil sie wohl doch nich‘ so schlau waren. Da kamen mal zwanzig Exemplare ohne Gesicht aus der Gebärpumpe und ich durfte nicht mal Meldung machen. Der Computer hat schon mit dem Ausbildungsprogramm begonnen, bis die das in Johannisburg endlich gecheckt haben und die armen Schweine – also, diesmal wirklich Schweine – eingeschläfert wurden. Beschwerde einlegen darfste erst Recht nich‘.

Du darfst eigentlich gar nix. Dein Zweck ist die gesetzliche Anwesenheit von menschlichem Personal und deine Pflicht die Pflege der Schlafhygiene. Sonst nix. Ein Pflicht-Hausmeister ohne Pflichten. Und wenn du Glück hast, siehste so ´nen Hybriden auf ´ner Kameraaufzeichnung, wie er kackt.

Mal ganz ehrlich, wir wissen alle, warum du wirklich hier bist. Oder besser: Warum dieses ganze Exotop –wie sie’s nennen – hier steht. Klar, das Wunder des Lebens muss gelernt werden. Erforscht! Und ist doch schön, wenn man sich als schönes Nebenerzeugnis einen Tiermenschen im Haushalt halten kann. Gut erzogen, mit Schockimplantat im Rücken, schnurrt die Katzenmenschfreundin, wenn du ihr den Rücken kraulst. Und die hobbitmäßigen Doggenwachen, die vor der Holografie vom Buckingham Palace das Victoria Memorial vollsabbern, sind ja der totale Hammer … nicht! Das interessiert doch kaum ein Schwein! Also, niemals genug, dass man davon zig Exotopen im Bitterland laufen lassen könnte. In Wirklichkeit geht’s doch nur wieder um eins: Macht. Nicht Sex, nicht Selfies, sondern Macht! Jeder will von irgendwas der Boss sein! Jeder will wen oder was bestrafen dürfen, ohne selbst dafür bestraft zu werden! Als wär’s irgendwann um was anderes gegangen.

Nach den Androiden und den grenzdebilen Halbklonen ist den Leuten doch einfach mal wieder langweilig geworden und jetzt brauchen sie Tiermenschen. Fickbare Tierwesen, die Schmerz spüren und so klug sind, wie Menschen! Sowas wird doch nur in Indien vom Gesetz geschützt und ich sag dir, das wird der letzte Schrei! Wenn du das hier hörst, is‘ er’s schon.

Scheiß auf die Raumfahrt, scheiß auf unsere Marsstadt oder den Umweltschutz oder das bald ein Drittel des Planeten zu Bitterland geworden worden ist! Scheiß auf Moral! Wenn ich meinen Schwanz in meine Katzensklavin schieben kann und sie dann auch noch schnurrt, wenn ich ihr danach den Schädel einschlage – dann is‘ mir das alles scheißegal!

Aber sogar Leute wie ich und der Rest der ganzen Moralapostel sollten auch gleich mal brav die Klappe halten! Die gingen damals doch als Erste in die Lusthäuser mit den Klonen. Da gab’s Menschenrechtler, die sich an ihnen abreagiert haben, weil ihnen keiner zugehört hat und Pfarrer, die was von weder Tier noch Mensch gelabert haben, um sie mit ´ner Axt bearbeiten zu dürfen. Ich würd‘ lügen, wenn ich behaupte, dass ich meinen Schwanz nicht in dem Blubberarsch von so einer Klonfrau versenkt hätte. Hat gestöhnt, wie so eine Behinderte.

Trotzdem freu ich mich schon, wenn alle wieder der berühmten Kissmi an den Lippen hängen und ihr dabei zuhören, was besser ist: Machtspielchen mit Tigermännern oder sechs Stunden Sex mit Ziegenkerlen. Natürlich nur, um die Schlampe zu hassen. Die ist so durch! Schau sie dir nur mal an! Deswegen abonnier ich auch die Scheiße aus ihrem Kanal raus, hasse jedes ihrer Videos bis zur letzten Sekunde und kauf ihr neues Album, einfach nur um mit den anderen drüber lachen zu können. Weil sie eh nicht singen kann! Weil sie so ´ne falsche Tussi is‘!

Wir stellen Fick- und Mordspielzeug her. Heute ich, morgen du und selbst als überbezahlte Aufpasser ohne Zweck machen wir hier Leute, die du ohne Konsequenzen vögeln und abschlachten kannst. Oder besser: Macht! Wir machen Macht. Ich und du arbeiten für ´ne Machtfabrik. Die Genkons verkaufen und vermieten Macht. Sie machen aus kleinen Wichsern große Hurensöhne. Damit jeder Besserverdiener zuhause Gott oder Mengele spielen kann, und das rechtlich abgesichert, bist du hier. Und dafür sollste jeden Tag um 6 aufstehen? Bisschen sinnlos, oder?

Aber das kennste ja sicher. Also, wenn du diese Nachricht hörst. Das heißt nämlich, dass du hier schon seit ein paar Jahren Parasit bist und dir tatsächlich die Tagebücher deiner Vorgänger anhörst, weil dir einfach nix mehr einfällt, was du noch tun könntest. Wahrscheinlich haste schon deinen zweiten Roman geschrieben.

Das heißt aber auch, dass du schon drüber nachgedacht hast. Ich weiß, dass du weißt, von was ich rede. Du könntest es beenden. Du kannst jederzeit in den Keller gehen und die Kühlung vom Reaktor runterfahren. Du wärst weg, lange bevor das ganze Exotop in die Luft geht. Wahrscheinlich würde man dich sogar als Kämpfer für’s Menschenrecht feiern … und dann Zuhause dem Sohn zeigen, wie man seine Rehsklavin erwürgt – man will ja multitasking-fähig sein. Oder du könntest die Klone freilassen, ins Bitterland, damit sie dort ´nen Stamm oder so gründen. Gibt ja Menschen, die da echt leben. Oder die Anlage einfach abschalten. General-Passwort hast du ja. Musst dann nur noch ´ne Verseuchung melden und die Firma braucht Jahre, um das Exotop wieder zum Laufen zu bringen. Aber das wirst du nicht, gar nix davon!

Weil du derselbe, feige Parasit bist wie ich. Gutes Geld, leichter Job – könnte schlimmer sein, könnte keiner sein und du bist ja nicht der Typ, der hier das Mordspielzeug herstellt. Also, nicht direkt. Du bist nur hier, weil jemand hier sein muss. Du schaust nur zu. Und lässt dich jeden Morgen wachbimmeln.

Aber das kennste doch inzwischen.“

 



Nachwort: Eigentlich wollte ich diese Geschichte nie veröffentlichen – zumal sie auch auf nichts eingeht, was nicht schon hunderte Male im Internet beleuchtet, durchgekaut und reflektiert wurde. Sie war jedoch für mich ein persönlicher Meilenstein, an welchem ich schließlich verstand, dass die im Internet zelebrierte Fetischkultur irgendwie doch nichts für mich ist. Cuckolding, Catgirls, BDSM und Gorns, aber auch die extremen Formen der SJW-Szene – so sehr ich es mag, von ungewöhnlichen Gedanken überrascht zu werden, diese Dinge überließ ich fortan anderen Schreibern, denen es Spaß macht, sich damit auseinanderzusetzen. Dennoch war diese kurze Expedition in die dunklen Begierden, die ich 2007 und 2008 unternahm, für mich durchaus faszinierend. Mehr aber leider nicht.