Wie Katz und

Maximilian Wust - Wie Katz und

Wie Katz und
Ein Krimi-Dialog von Maximilian Wust
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Diese Geschichte entstand Ende der Nullerjahre in Form einer selbstgestellten Challenge. Diese war, dass ich nur eine Stunde dafür Zeit habe – von der Konzeption über die Ausführung bis zu den Korrekturen (und nur maximal fünf Minuten überziehen darf, was also zehn bedeutet). Und weil ich natürlich ich bin, habe ich erst nach Ablauf der Zeit bemerkt, dass ich mir noch keinen Titel dafür ausgedacht hatte. Was das bedeutet, wird erst am Schluss verständlich.


 

SIE WUSSTE ES.

Immer, wenn das Schicksal eine Entscheidung gefällt hatte, erahnte es Emmanuelle meist einige Momente, bevor sie dann geschahen. Sie wusste einfach, dass es jetzt gleich geschah, was geschehen würde und was darauffolgte.

Als ihr erster Freund zum letzten Mal anrief, damals vor einem ganzen Leben, da musste er nur eine Sekunde zögern und sie wusste bereits, dass er Schlussmachen würde. Als ihr Telefon sechs Jahre später um kurz nach Acht klingelte, war sie sich augenblicklich der Beförderung sicher. Auf dem Selfie ihres Mannes, in diesem Hotel, da hatte er vergessen, das weiße Ladekabel am Nachttisch wegzuräumen. Oder vergessen, dass es überhaupt existierte. Oder als ihr vermeintlich bester, wahrscheinlicher einziger und immer pünktlicher Freund nur zwei Minuten zu spät kam. Es waren immer die kleinen Dinge, mit denen sich das Universum verriet. Wie damals, als Monica nicht sofort ihren widerlichen Moscow Mule bestellte oder als Leon etwas zu lang in den Kühlschrank starrte. Als ihre Mutter plötzlich beim Kaffeekränzchen loslachte.

Das war Emmanuelles sechster Sinn, auch wenn er nichts mit übersinnlichen Fähigkeiten zu tun hatte, sondern mit einem Gespür fürs Detail: Wenn das Schicksal seine Weichen stellte, hörte Emmanuelle das Klicken.

So auch an jenem Tag.

Es war Abend, eigentlich schon fast Nacht. Die hübsche, zu Wein gereifte Frau saß auf ihrem Wohnzimmersessel und genoss den billigen Roten – der zwar billig war, aber trotzdem gut, wenn nicht sogar besser. Sie genoss, wie sich Thorstein hastig anzog und dabei immer wieder die Knöpfe seines Hemds in die falschen Löcher steckte. Er war ein schöner Mann, groß, breit und studiogestählt, außerdem zwanzig Jahre jünger als sie und endlich mal blond. Endlich hatte sie einen Blonden. Sie genoss sich selbst, dass sie mit Mitte Vierzig immer noch so hübsch und knackig und erfolgreich war. Sie liebte ihre edle Wohnung, mit den extravaganten Designermöbeln und dieser absoluten, alles beSeñorschenden Ordnung. Ihr Vater hatte ihr Appartement einmal ein Hotelzimmer genannt, weil es steril und unbewohnt wirkte und hätte seiner Tochter damit kein größeres Lob machen können. Genau das wollte sie haben: Eine Wohnung, die nichts über ihre Bewohnerin verriet. Das alles genoss sie, das große Gesamtpaket ihres Lebens.

Wenigstens für einen Abend. Emmanuelle war kein zufriedener Mensch, auch nie gewesen. Da machte sie sich keine Illusionen.

Thorstein hatte gerade die Schuhe angezogen, streifte sich noch eben die Jacke über und eilte zeitgleich zur Tür, als dort etwas zu kratzen schien. Es knackte. Jemand öffnete sie wohl, was Emmanuelle nicht sehen konnte – die Tür lag am Ende des Flurs, um eine Ecke versteckt.

Und da wusste sie es wieder: Jetzt ist alles vorbei – einen Moment, bevor es das auch war.

„Kommt deine Schwester –“, wollte Thorstein noch fragen, bevor es knallte. Nicht laut. Nur so, als würde man einen kleinen Luftballon platzen lassen, aber es genügte, um den blonden Schönling zu Boden zu schicken. Er legte sich eigenartig unecht hin, so als würde er amateurhaft einen Sturz schauspielern, und rührte sich nicht mehr. Nie wieder. Emmanuelle wusste sofort, dass er tot war.

Die Tür wurde ins Schloss gelegt und ein hageres, seltsames gekleidetes Exemplar von einem Mann erschien in Emmanuelles Sichtfeld. Er war groß, größer als Thorstein, aber furchtbar schlank und bedeutungslos. Letzteres beschrieb ihn seltsam passend: Vom Alter her musste er wohl Ende Dreißig sein, sein Detektivmantel und die Hose hätten auch zu einem Rentner gepasst und seine Brille, die nur aus dünnen Strichen bestehen zu schien, war eher etwas, das dem Klischee einer Programmiererin auf der Nase saß. Er war ein seltsamer Mann eben – auch ohne die kleine Pistole mit Schalldämpfer in seiner linken Hand. Als er Emmanuelle sah, richtete er die Waffe auf Thorstein, ohne sich von ihr abzuwenden, und erschoss den blonden Schönling erneut, dieses Mal ins Herz. Sein beigefarbenes Hemd färbte sich in Sekunden rot.

Emmanuelle holte tief Luft. Sie ersparte sich die Peinlichkeit eines Fluchtversuchs oder eines Schreis.

„Verzeihen Sie das Blutbad“, entschuldigte sich der Mann mit klangvoller, tiefer, aber auch emotionsloser Stimme, die ihm seltsam stand, obwohl sie so überhaupt nicht zu seiner Erscheinung passte. „Sind Sie Emmanuelle Maria Oleastro?“

Emmanuelle nickte, nur einmal. „Ich nehme mal an, dass es hier nicht bloß einen Einbruch handelt, nicht wahr?“

Der Unbekannte presste die Lippen aneinander, als wäre er peinlich berührt. Das tat er vermutlich oft. „Thomas Schuster mein Name“, erklärte Thomas Schuster, der mit Sicherheit nicht so hieß und kam ins Wohnzimmer. Emmanuelle trug nur einen Morgenmantel, dünn und mit tiefem Ausschnitt, aber der Mann zeigte trotzdem kein Interesse, gar keins. „Weder ein Einbruch, noch ein Raub“, antwortete er auf ihre Frage. „Wo ist Ihr Handy?“

„Da auf dem Tisch“, sagte sie und zeigte mit dem Weinglas auf das schwarze, einsame Viereck auf dem weiten, weißen Tischtuch.

Thomas Schuster hob es mit der rechten Hand auf, ohne Emmanuelle auch nur einen Moment lang aus den Augen zu lassen, prüfte im Augenwinkel eventuelle Nachrichten und steckte es in seinen Mantel, ohne es abzuschalten. „Ich bin hier, um Sie zu töten.“

Die Frau wollte zögern. Sie wollte vor Angst erstarren und wimmern oder vielleicht auf die Knie fallen und um ihr Leben betteln. Aber das hatte sie noch nie gekonnt. Stattdessen fragte sie trocken und schon fast unbeeindruckt: „Warum?“

„Man hat dafür bezahlt.“

„Ein … Auftragsmord?

„Ich fürchte ja.“

„Man hat Sie wirklich bezahlt, dass Sie Thorstein und mich – Peng!“, fragte sie und hielt sich eine Pistole aus Fingern an die Schläfe. Das alles war so seltsam surreal – wie in einem Film, nur dass sie nicht aufstehen oder wegschalten konnte.

„Nur Sie wurden bestellt. Dieser Mann im Flur – Thorstein, nehme ich an – war nicht eingeplant.“

Emmanuelles Gedanken wanderten. „Aber wer könnte das –?“, überlegte sie laut für sich selbst. „Wer ist so verrückt, dass er –? Mein Ex-Mann? Oder war es Hallet, dieser Irre mit dem Wolkenkratzer-Ego?“

Thomas Schuster zuckte mit den Schultern. „Mein Auftraggeber hat sich mir nicht persönlich vorgestellt. Ich kenne sie im Allgemeinen nur selten, ebenso wenig das Motiv.“

„Wie sah er denn aus, wenn ich das fragen darf? Man hat Ihnen ja wohl kaum einen Brief mit meinem Foto drin unter der Tür durchgeschoben.“

„Das nicht, aber dafür über einen Mittelsmann in die Hand gedrückt. Jede Form von Distanz tut meiner Branche gut.“

„Aber jeder kennt die Leute, die mich hassen. Das fällt sofort auf sie zurück.“

„Vielleicht ist es auch ein Feind Ihrer Feinde. Zum Beispiel jemand, der einem anderen einen Mord anhängen will, um ihn aus dem Rennen zu drängen oder ihm gegenüber Misstrauen zu schüren.“

Emmanuelle seufzte. „Das klingt etwas sehr nach einer Verschwörungstheorie.“

„Frau Oleastro, vor Ihnen steht ein Mann, den man dafür bezahlt hat, Sie zu ermorden.“

Sie lächelte. „Gutes Argument.“ Dass sie das noch konnte. „Ich glaube nicht, dass man Sie mit Geld, einem Frauenkörper oder einer anderen Gefälligkeit bestechen könnte, nicht wahr?“

Thomas Schuster schloss für einen Moment die Augen und schüttelte den Kopf, obwohl er ihn nicht schüttelte. Das Augenschließen allein genügte auf seltsame Art, um als verneinendes Kopfschütteln zu funktionieren.

„Ein Fachmann also. Möchten Sie es gleich hinter sich bringen oder darf ich mir noch einen Kaffee machen?“

„Wollen Sie nicht lieber noch etwas Rotwein?“

Emmanuelle fixierte das Glas in ihrer Hand. „Wie kommen Sie darauf?“

„Es ist meiner Erfahrung nach das beliebteste Getränk, das Menschen in ihren letzten Momenten zu sich nehmen möchten. Zumindest, wenn sie mir gegenüberstehen.“

„Wobei das ja auch von Ihrer Zielgruppe abhängt“, sagte Emmanuelle, stand auf und ging in die Küche.  „Sie wirken mir nicht wie jemand, der Drogendealer mit zu viel Selbstbedarf erschießt.“

Die Küche passte sich nur unwillig der Wohnung an. Sie war warm, bot viele weiße Flächen, von den Schubladen, der Ablage, über den Kühlschrank, bis zu den Schränken und zeigte Anzeichen einer Benutzung: In der Spüle lagen mehrere, schmutzige Kaffeetassen.

Thomas Schuster folgte Emmanuelle und ließ sie keine Sekunde aus den Augen … und das auf eine steinern ruhige Art. Er hatte wohl Routine darin, Menschen ihren letzten Willen zu gönnen.

„Nein“, antwortete er. „Untreue Straßenhändler, korrupte Polizisten und Zuhälter sind eher etwas für Bikergangs und Mafia-Schläger. Ich würde mich eher als einen Mörder der Mittelschicht bezeichnen.“ Wie er die Pistole hielt – so anmutig und mühelos. Dabei musste sie doch schon etwas Gewicht haben, ein halbes Kilo mindestens, und er wirkte alles andere als trainiert und kräftig.

Emmanuelle holte ihre Lieblingstasse aus dem Regal, ein geschwungenes, perlweißes Kunstwerk, das sie jeden Morgen benutzte und bis heute nicht benutzt aussah. „Ich hätte eine Frage, die vielleicht nicht ganz passend ist, ich aber leider stellen muss, weil ich die Dinge gerne plane: Wie lange kann ich es noch herauszögern? Darf ich mir auch noch etwas zu essen machen? Oder meiner Mutter einen Abschiedsbrief schreiben?“

„Solange Sie nichts über mich verraten oder meine Geduld unnötig strapazieren, habe ich keine Einwände. Einen Abschiedsbrief kann ich nur empfehlen. Meiner Erfahrung nach tut meinen Opfern gut, auf diese Art mit den Dingen abzuschließen. Leider kann ich Ihnen jedoch nicht mehr erlauben, etwas zu bestellen, wie eine Pizza. Man könnte die Leiche Ihres Liebhabers entdecken.“

„Liebhaber schmeichelt ihm. Mit Liebe hatte unser Verhältnis nun wirklich nichts zu tun“, erwiderte Emmanuelle bitter.

Als nächstes holte sie den Kaffee und zwar der beste Kaffee, den sie hatte: In einem edlen, roten Aromaschutzbeutel ruhte die Seele Brasiliens, das Feuer Perus und der Duft irgendeines anderen südamerikanischen Staates mit ernsthaften Armutsproblemen. „Wie viel habe ich eigentlich gekostet?“, kam ihr in diesem Sinne in den Sinn. „Wenn ich das fragen darf.“

„Viel.“

„Viel im Allgemeinen? Oder viel für ein wehrloses Opfer aus der gehobenen Mittelschicht?“

„Viel für jemanden ohne Leibwächter oder mächtige Beschützer.“

„Ich sollte mich geschmeichelt fühlen.“

Emmanuelle schüttete die Bohnen in die Maschine. Als er dieser wunderbare Geruch in die Nase stieg, ließ sie das beinah vergessen, dass Thorstein immer noch im Flur lag und dort im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz ausschüttete. „Wie haben meine … Vorgänger auf diese … Situation reagiert?“, fragte sie – auch, um sich selbst von diesem Gedanken abzulenken, obwohl sie damit direkt darauf zusteuerte. „Sie flehen alle um ihr Leben, denke ich.“

Thomas Schuster spitzte wieder die Lippen. „Nur die Wenigsten und auch nur kurz. Manche warten auf den richtigen Moment, um sich zu retten oder mich zu überwältigen, der aber nicht kommt. Andere versuchen, sich als menschlich und ein Opfer schlechter Umstände darzustellen. Die meisten aber akzeptieren ihr Schicksal.“

„Wieso das?“

„Ich weiß es nicht. Ich vermute aber, dass die meisten meiner Opfer wissen, dass sie es verdient haben.“

Die Kaffeemaschine rumorte. Heulend und knirschend zerkleinerte sie die goldbraunen Schönheiten von Bohnen, verkochte den Zauber von Samba und Sombrero zu einer braunen Suppe, bevor sie diese mit dem Heulgesang einer LKW-Laderampe in die Tasse füllte. Der fertige Kaffee roch nun so gar nicht mehr nach dem Feuer Argentiniens und peruanischer Kinderarbeit, sondern nach Arbeitsalltag, Frust und Stress. Nach sinnlosen Meetings mit verbohrten Egomanen. Eine andere Assoziation gab es dafür schon lange nicht mehr dafür.

„Wollen Sie auch eine Tasse?“

Thomas Schuster schüttelte den Kopf, indem er wieder nur die Augen schloss. „Ich trinke nicht bei der Arbeit.“

„Wissen Sie, einer alten Sage nach soll ja Kaffee relativ wenig Alkohol beinhalten“, scherzte Emmanuelle und gab noch einen Schuss Cognac hinzu.

„Ich meine: Ich trinke nicht, ich esse nicht, noch lasse ich Sie aus den Augen. Ich tue nichts, was den Auftrag gefährden könnte. Dafür kann ich mir wiederum den Luxus leisten, Ihnen ein paar angenehme, letzte Momente zu ermöglichen.“

Sie gingen zurück ins Wohnzimmer. Emmanuelle setzte sich auf das Sofa, von wo aus Thorsteins Leiche vom Sessel verborgen wurde. „Nehmen Sie doch Platz“, bat sie Thomas Schuster, der das auch dankend annahm. Ohne sich auch nur einen Augenblick von ihr loszueisen, sank er mit der gleichmäßigen Bewegung eines Roboters in ihren Sessel, diesen Thron aus weißem Satin. Anstatt jedoch den Pistolenarm auf der Lehne ruhen zu lassen, um Emmanuelle gemütlich zu bedrohen, hielt er ihn lieber angespannt in der Luft. Anscheinend konnte er das stundenlang so tun.

Emmanuelle wurde ungut. Sie war kein Mensch, der peinliches Schweigen ertragen konnte, selbst wenn sie es mit ihrem Henker teilte und fragte weiter: „Wie wird man eigentlich Auftragsmörder?“ Obwohl sie das gar nicht wissen wollte. „Haben Sie schon in der Schule Kinder gegen Geld verprügelt?“

Thomas Schuster antwortete, ohne auch nur einen Gesichtsmuskel mehr als notwendig zu bewegen: „Nein, keinesfalls. Auftragsmörder wird man von einem Moment auf den nächsten, denke ich. Natürlich braucht man schon immer ein gewisses Interesse daran, zudem ist eine Militärausbildung förderlich, aber der Schritt vom tötungswilligen Kampfexperten zum tödlichen Werkzeug erfolgt meist zufällig: Jemand bietet dir Geld. Mit Dreiundzwanzig hat mir jemand Geld geboten, damit ich jemand anderen töte. Aus bloßer Neugier habe ich ihn hoch gehandelt. Zwei Tage später war dieser andere tot.“

„Aber Sie haben sich nie gefragt, ob sie es tun könnten, nicht wahr? Eher, ob man es zu Ihnen zurückverfolgen könnte oder ob dieser Andere gut bewacht ist oder schwer zu finden oder so.“

Er zögerte, um dann zu nicken. „Ich denke, so war es.“

Thomas Schusters nächstes Opfer nahm einen ersten Schluck vom Kaffee. Als es verstand, dass er nicht weitererzählen würde, bat es: „Nun fragen Sie mich etwas!“

„Besser nicht. Ich möchte meine Opfer nicht näher kennenlernen, als unbedingt notwendig. Stellen Sie Ihre Fragen oder genießen Sie Ihren Kaffee schweigend!“

„Also gut: Sind Sie verheiratet?“

„Noch.“

„Führen Sie ein Doppelleben oder weiß Ihre Frau von Ihrem Nebeneinkommen?“

Thomas Schuster schüttelte unmerklich den Kopf, dieses Mal wirklich und nicht nur durch ein schildkrötenhaftes Blinzeln. „Weder noch“, antwortete er. „Eine Sache möchte ich Sie nun doch fragen: Haben Sie es verdient?“

„Von ihnen erschossen zu werden? Gute Frage. Thorstein hatte es zumindest nicht.“

„Er war ein potenzieller Störfaktor, der entfernt werden musste. Mehr jedoch auch nicht.“

„Sind Sie ein Psychopath? Damit meine ich nicht die Irren, die als Kinder Katzen ausweiden, nachts in der Tiefgarage lauern oder zuhause Prostituierte zerstückeln, sondern –“

„Einen Menschen ohne Empathie, der sich nicht in die Schmerzen hineinversetzen kann, die er anderen zufügt. Nein, bin ich nicht. Weder das eine, noch das andere. Ich empfinde durchaus Mitgefühl, mit vielen Menschen, und ja, auch mit denen, die ich töte, weshalb ich Sie, Frau Oleastro, nicht einfach sofort getötet habe. Ich sehe meine Aufträge jedoch als unbedeutend, wenn Ihnen das genügt.“

„Das heißt?“

„Erstens, glaube ich nicht an Gott oder die Seele oder ein Leben danach. Das Leben ist nichts weiter, als chemisch-aktive Suppen, die sich über Jahrmilliarden zu Gallert und Haut gefestigt und an Kalkschalen geklebt haben. Dahinter steckt kein Zauber, auch wenn sich das viele gern einreden. Stirbt man, endet das neuronale Kreuzfeuer im Gehirn und man löst sich auf, vollkommen. Ob man nun als Kind oder als Einhundertjähriger stirbt, macht keinen Unterschied: Es folgt immer das Mu, die Nicht-Existenz, die wir schon aus der Zeit vor unserer Geburt kennen.“

„Vor dem Leben ist nach Leben“, fügte Emmanuelle ein, um einfach etwas zu sagen.

„Zweitens, spielen die allermeisten Menschen im großen System der Zivilisation keine Rolle. Sie sind bestenfalls Körner im großen Reisbrei. Entfernt man sie, ob jetzt per Altersschwäche, Autounfall oder Auftragsmörder, wird ihre Position sofort vom Ameisenschwarm, den wir Menschheit nennen, ersetzt und nur ihre engsten Freunde und Verwandten bemerken überhaupt, dass es sie nicht mehr gibt. Haben Sie schon einmal einen Onkel oder eine Tante verloren? Falls ja, wird Ihnen vermutlich aufgefallen sein, wie schnell alles wieder zur Normalität zurückkehrt oder sogar, wie sehr es den Alltag nicht einmal gestört hat. Die meisten Menschen haben keine Bedeutung. Schlimmer noch: Das Entfernen einer Persönlichkeit in hoher Position kann sogar die festgefahrenen Strukturen für manchmal benötigte Veränderung oder Anpassungen öffnen, obwohl das nun wirklich nach einer Ausrede klingt.“

„Ein Nihilist zu sein macht Thorsteins Tod nicht weniger falsch.“

„Wir beide wissen, dass man mir kein schlechtes Gewissen einreden kann. Aber nun kenne ich endlich ein Wort für das, was ich wohl bin: Ein Nihilist.“ Thomas Schuster lachte auf, leise und nur durch die Nase. „Da heißt es immer, dass man mit jedem Mord auch einen Teil seiner Seele tötet. Ich dagegen habe mehr das Gefühl, daran zu wachsen. Kehren wir zu meiner Frage zurück: Haben Sie es verdient?“

Emmanuelle überlegte laut: „Kann ich nicht sagen. Ich gebe schon zu, viel Schlechtes getan zu haben: Betrogen, gelogen, Karrieren blockiert, andere zerstört. Ich habe den Verlobten einer Konkurrentin einmal mit viel Geld bestochen, dass er mir –“

Sie seufzte, so tief, dass es fast wie ein Zischen klang. „Man sagte mir schon einmal, dass es niemanden wundern würde, wenn ich eines Tages tot in meiner Wohnung aufgefunden werde … wenn auch als Scherz. Aber ob es wirklich gerecht ist?“, sie überlegte. „Mir die Karriere zu nehmen, im ganzen Büro Nacktbilder von mir verteilen und mich in einer Ein-Zimmer-Wohnung in einem Sozialblock verrotten zu lassen, wo man sich pro Stockwerk ein Badezimmer teilt – das wäre wahrscheinlich gerecht gewesen. Ich habe ja niemanden getötet oder sein Leben zerstört …“

„Ihr Liebhaber, dieser Thorstein – war er verheiratet?“

„Ein Mann wie er? Mit bald dreißig Jahren? Die sind entweder das oder schwul.“

„Und trotzdem hatten Sie eine Affäre?“

„Die wahrscheinlich seine Ehe mehr gerettet hat, als sie zu zerstören. Seine Frau gehört zum Typ der Ehe-Nonnen. Sie hat schon vor Jahren, wohl mit dem ersten Kind, beschlossen, sexuell zu vertrocknen und nur noch zu besonderen Anlässen wie ein toter Fisch unter ihm zu liegen. Er sah leider zu gut aus, um das ewig hinzunehmen. Früher oder später hätte es ihn wieder auf die Suche getrieben und dann hätte ihn die beste Freundin seiner Frau beim Rummachen oder auf einer Datingseite entdeckt. So hatten sie eine brauchbare Ehe, die Kinder beide Eltern, sie ihr Zölibat und er seinen Spaß. Von mir ganz zu Schweigen.“

„Dennoch haben Sie dazu beigetragen, dass diese Ehe eines Tages gescheitert wäre.“

„Wir beide wissen, dass man mir kein schlechtes Gewissen einreden kann“, gab Emmanuelle nun grinsend zurück, Wort für Wort. „Und die Ehe beendet, das haben Sie, und nur Sie, Señor Schuster.“

Thomas Schuster zuckte mit den Schultern. „In Sachen Treue sind wir wohl anderer Meinung.“

„Nein.“

„Nein?“

„Sind wir nicht. Ich weiß nicht, wie Ihre Ehe läuft. Und es ist mir ehrlich gesagt auch gleich, ob Ihre Frau glaubt, Sie wären Elektroingenieur mit vielen Dienstreisen oder ob Sie ihr nach jedem Job erzählen, wenn Sie jetzt wieder bedauerlicherweise miterschießen mussten. Aber Ihre Ehe ist längst in dem Stadium, in dem sie keine mehr ist. Treue ist Ihnen nur wichtig, weil vermutlich Ihr Elternhaus in Ermangelung daran zerbrochen ist.“ Thomas Schuster wollte etwas sagen, wurde aber übertönt. „Ist natürlich nur eine Vermutung,“ erklärte Emmanuelle und hob abwehrend die Hände, „spielt aber keine Rolle: Sie jedenfalls sehnen sich schon lange nach Abwechslung, aber im Gegensatz zu Thorstein erscheint keine Vorgesetzte in Ihrem Büro und befiehlt Ihnen, sich untenrum freizumachen.“

„Das klingt nach sexueller Nötigung.“

„Ein sexuell Genötigter kommt nicht nach vierzig Sekunden.“

Der Auftragsmörder zögerte. Er wollte etwas sagen, öffnete schon den Mund, beließ es aber dann dabei.

„Ich hätte ein Anliegen“, beschloss Emmanuelle und brachte es vor: „Ich weiß, dass man Ihnen nicht einfach mehr bieten kann und Sie erledigen stattdessen Ihren Auftraggeber – oder besser: Das sind vermutlich Summen, die ich nicht aufbringen könnte –, aber trotzdem kann man ihn mit Sicherheit zum nächsten Ziel machen.

„Natürlich. Jedoch kenne ich ihn nicht und es ist mir kaum möglich, mehr über ihn oder sie herauszufinden.“

„Das müssen Sie auch nicht. Ich will, dass Sie meinen Ex-Mann, Hunter Persson, meinen Zweiten, und Conrad Hallet, unseren neuesten Partner ermorden und das noch bevor die beiden unter Polizeischutz oder Beobachtung oder so gestellt werden. Damit meine ich: Natürlich wird man Thorstein und mich vermissen – ihn früher als mich – aber in den nächsten vierundzwanzig Stunden bricht garantiert niemand diese Wohnung auf und leitet eine Mordermittlung ein.“

Thomas Schuster überlegte, laut: „Ein Auftrag posthum, und das von meinem letzten Opfer. Zugegeben, das wäre interessant. Es ist aber gut möglich, dass diese Männer damit nichts zu tun haben. Einer von beiden wird so oder so unschuldig sein.“

„Mir gleich. Und Ihnen auch, solange das Geld stimmt.“

„Das kann ich nicht leugnen.“

„Also, wie viel kostet mich es, damit die beiden keinen Sauerstoff mehr verbrauchen?“

„Zweiundsechzigtausend Euro.“

„Pro Kopf oder für beide?“

„Beide.“

„Ich hätte auch pro Kopf bezahlt.“

„Ich weiß. Aber ich bleibe dennoch meinen Prinzipien treu.“

Emmanuelle spitzte die Lippen. Sie stand auf, ging zum Schreibtisch und holte einige Utensilien hervor und das mit beinah unmenschlicher Schnelligkeit. Ihr Vater hatte sie immer Oktopus genannt, wenn sie das tat. In nur einem Moment hatte sie ein Briefkuvert mit Geld gefüllt und zwei Zettel mit Adressen beschriftet und hinzugefügt. Nur das Ausdrucken der Fotos dauerte etwas. Drucker spüren, wenn es schnell gehen muss. Dann müssen sie sich erstmal eine Viertelstunde aufwärmen.

Besser gesagt: Zwei Minuten, die sich aber wie fünfzehn anfühlen. Fünfzehn Minuten, die nur zwei waren später fanden also alle Unterlagen in einem parfümierten Kuvert und dieses in Emmanuelles Hand.

„Hier drin sind achtundsechzigtausend Euro“, erklärte sie und überreichte Thomas Schuster den Umschlag, „also zweiundsechzig und zehn Prozent Trinkgeld, dazu Adressen und Fotos.“

Der Auftragsmörder blätterte durch die Papiere, bedruckt wie beschrieben: „In Cartagena? Ihr Ex-Mann wohnt am anderen Ende der Iberischen Halbinsel“, bemerkte er, als wäre das ein Problem.

„Und wenn schon? Über A-92 sind das maximal sechs Stunden mit dem Auto. Mein Ratschlag: Laden Sie sich ein Hörbuch auf Ihr Handy.“

„Sie wissen, wovon ich spreche: Ich habe zwei Ziele, die miteinander in Verbindung stehen, in kurzer Zeit auszuschalten. Jede Stunde kann dabei kostbar sein.“

„Wollen Sie mehr Geld?“

Thomas Schuster zögerte tatsächlich, wenn auch nur einen kurzen Augenblick. Danach beschloss er wohl, seine Bedenken zu ignorieren. „Werde ich bei diesen Männern Familienmitglieder antreffen? Frau oder Kinder?“

„Bei beiden bestenfalls die Frauen, eher die Geliebten, wahrscheinlich aber niemanden.“

„Und wenn doch?“

Emmanuelle zuckte mit den Schultern. „Dann haben Sie Ihrer Frau beim Abendessen noch mehr entfernte Störfaktoren zu beichten.“

„Sie haben mir eben noch Thorstein vorgeworfen.“

„Wie es scheint, verdiene ich mir gerade den Tod durch einen Auftragsmörder.“

Thomas Schuster überlegte einen Moment, dann steckte er das Geld ein. „Bis morgen Abend werden beide nicht mehr sein.“

Emmanuelle nickte nur, ging zu ihrem Kaffee zurück und nahm einen letzten Schluck, nicht aber den letzten, den die Tasse noch zu bieten hatte. Niemand sollte ein Glas bis zum letzten Tropfen austrinken. „Gut“, verkündete sie. „Ich denke dann auch, dass wir so allmählich zum Ende kommen sollten. Wie werden Sie es jetzt tun? Schießen Sie mir ins Herz oder das Genick? Schließlich soll meine Leiche ja auch noch identifizierbar sein.“

Thomas Schuster seufzte. „Ich wünschte, es wäre so einfach. Leider hat man mich dafür bezahlt, Sie zuerst eine ganze Nacht lang zu vergewaltigen – durch ein paar Helfer, damit es für Sie auch keine Pausen gibt und von mir nicht auch noch Spuren in ihrem Körper zurückbleiben – und Ihnen dann morgen Mittag Arme und Beine abzuschneiden. Und anschließend, noch einen Tag später, soll ich Sie wie ein Schwein an einem Fleischerhaken ausbluten zu lassen – um meinen Auftraggeber zu zitieren.“

Emmanuelle stockte. „Das … ist ein Scherz!“

„Allerdings“, erwiderte Thomas Schuster und lächelte, sehr dünn. „Verzeihen Sie! Mein Humor ist schon immer etwas zu schwarz gewesen. Ich werde Ihnen einfach nur zwei Kugeln ins Herz schießen – ein schnelles Ende, außerdem sauber und schmerzlos.“

„Darf ich mich davor noch anziehen?“

„Selbstverständlich. Aber ich muss leider zusehen.“

„Nicht, dass ich ein Handy hervorzaubere und Hilfe rufe.“

„Oder durch das Fenster entwischen wollen.“

„Señor Schuster, wir sind im zwölften Stock!“

„Sie wären nicht die Erste, die es trotzdem versucht.“

Emmanuelle stellte die Tasse ab. Anschließend streckte sie den Rücken durch, richtete sich zur vollen Größe auf und ging ins Schlafzimmer. Thomas Schuster folgte ihr wie ein Schatten und das stets so nah, dass sie nie einfach die Tür zuknallen konnte oder hätte fliehen können.

Das Schlafzimmer glich schon längst wieder dem Rest der Wohnung. Nichts erzählte hier von den Dingen, die sich Thorstein und sie noch vor ein paar Minuten hier angetan und angerichtet hatten: Das schöne, luxuriöse Bett war gemacht und frisch bezogen; alles aufgeräumt, der Boden bis zur Makellosigkeit gesaugt worden. Alles wirkte so angenehm unpersönlich und unbenutzt, wie eine frisch gemachte Filmrequisite.

Emmanuelle öffnete den Schrank. „Sollte ich etwas Spezielles tragen?“, fragte sie. „Wegen dem Blut?“

„Sie meinen Rot? Das ist ein Anfängerfehler. Tragen Sie weiß! Weiß konterkariert die Unnatürlichkeit des Todes. Auf Rot wird Ihr Blut so wirken, als hätten Sie Wasser verschüttet.“

Emmanuelle zuckte mit den Schultern – dass es sogar in der Disziplin von Mordopfersein Anfänger und Profis gab, war nur zu menschlich. Ohne weiter darüber nachzudenken, wandte sie sich von Thomas Schuster ab und kleidete sich ein. Es war ihr nicht peinlich, von ihm im Evaskostüm gesehen zu werden, jedoch spielte sie auch gerne mit ihren Opfern und das waren nun einmal Männer. Deshalb bückte sie sich auch etwas tiefer, als sie in ihr weißes Spitzenhöschen stieg. So bekam er etwas mehr zu sehen, als nur ihren Hintern.

„Sind Sie ein Modemensch?“, fragte und schloss den BH.

„Modebewusst vielleicht, aber niemand, der sich modisch kleidet. Meine Mutter war das eher.“

Emmanuelle schlüpfte in ihr bestes Sommerkleid. Es war weiß, wie das in der Raffaelo-Werbung. „Sie kommen aber mehr nach Ihrem Vater, nicht wahr?“

„Merkt man mir das an?“

„Ein wenig. Ich hoffe, es wirkt jetzt nicht vermessen, aber: Eine letzte Bitte habe ich noch.“

„Sie hatten bereits mehrere.“

„Und diese eine hätte ich auch noch gern. Eine Große, leider.“

Nun war es Thomas Schuster, der die Lippen spitzte. „Die da wäre?“

„Ich weiß, Sie haben Ihre Regeln. Sie tun nichts, was Sie ablenken oder Ihren Auftrag gefährden könnte. Und deshalb verspreche ich Ihnen, dass ich nicht laufen werde, nicht schreien und auch sonst keine Dummheiten begehen. Das haben sicher schon Bessere vor mir versucht und sind vermutlich trotzdem auf Ihrem Portfolio gelandet. Dennoch bitte ich Sie, Ihre Regeln zu brechen, und zwar nicht nur die eines Auftragsmörders. Nur für ein paar Minuten.“

Thomas Schuster hielt inne. „Um was zu tun?“

Emmanuelle kam nicht näher. Sie machte keine seltsamen Posen oder Andeutung, sie löste genauso wenig die Träger ihres Kleids, noch überprüfte sie ihre Umgebung nach einer Waffe. Sie lächelte nicht und rollte auch nicht mit den Augen. Sie stand einfach nur da, so stoisch und steinern wie ihr Mörder, bevor sie ihre Bitte vortrug: „Schlafen Sie mit mir!“

Als sich in seinem Gesicht tatsächlich eine Regung zeigte, wusste sie schon, wie er antworten würde.

Sie wusste, was jetzt geschah und was darauf noch alles folgen sollte.

Sie waren wie Katz und –

 

— Maex, 2009

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