Zehn Negerlein

Maximilian Wust - Zehn Negerlein

Zehn Negerlein
Ein Cosmic-Horror von Maximilian Wust
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26. April

WIEDER AUF SEE.

Marseille ist nicht mehr zu sehen, die Wetterbedingungen sind gut, die Moral der Crew schlecht. Es ist unsere dritte große Fahrt ohne Landurlaub und die Männer sind deutlich überarbeitet. Sie streiten sich wegen jeder Kleinigkeit. Habe daher mehr Alkohol erlaubt.

Die Möwen meiden uns anscheinend. Vielleicht ist der alte Motor wirklich zu laut. Finde ich aber gut.

***

27. April

Die Mannschaft, also Robert, der immer gern für alle spricht, hat nun offen seine Unzufriedenheit darüber ausgesprochen, dass wir wieder so bald wieder in See stechen. Als unser Lästerweib meinte er, ich wäre nicht hart genug gegenüber dem Reeder, der uns am liebsten auf eine Fahrt nach der anderen schicken würde. Ganz Unrecht hat er damit nicht.

Er soll es nur nicht vor der Mannschaft ausposaunen. Ich habe keine Lust, wieder die ganze Fahrt lang der Sündenbock zu sein.

 

Zum Glück gibt es viel tun. So komme kaum dazu, mit der Mannschaft zu reden und das ist vielleicht auch ganz gut so. Habe heute jedenfalls den ganzen Tag nur Befehle zugebrüllt oder über den Karten gebrütet.

Mein Erster Maat leistet wie immer gute Arbeit. Er ist nicht gerade effizient im Befehle geben, dafür aber lenkt er sehr leicht den Zorn auf sich und damit weg von mir. Dass er so riesengroß und breit ist, sorgt außerdem dafür, dass man nicht gegen ihn aufbegehrt. Ich bin froh, ihn auf meiner Seite zu haben. Muss nur dafür sorgen, dass er nie zu Kapitän aufsteigen will.

Jacques macht mir Sorgen. Er scheint bedrückt zu sein, mehr als gewöhnlich. Warum weiß ich nicht. Werde versuchen, es in den nächsten Tagen herauszufinden.

***

28. April

Zwei Tage auf See. Moral unverändert schlecht. Morgen Abend werden wir Algeciras und die Straße von Gibraltar passieren. Der Atlantik wird uns nicht gut tun. Zu viel See für zu gereizte Gemüter.

Habe heute endlich die Zeitung gelesen, die ich mir vor der Abfahrt gekauft hatte. Seitdem sie diesen Prinzen in Jugoslawien oder wo das war erschossen haben, spitzt sich die Lage immer weiter zu. Bin froh, erst mal aus der Heimat weg zu sein. Ich mochte Politik noch nie, ganz besonders wenn sie den kleinen Mann trifft und gerade jetzt ist die Lage kurz davor, genau das zu tun. Wenn wir zurückkehren, kann es sein, dass sich unser Land im Krieg befindet. Ich muss mich auf der Rückfahrt, am besten gleich davor, darüber informieren, wie die politische Lage aussieht. Dringend! Ich will nicht, dass wir von einem Zerstörer abgefangen werden, nur weil ich nicht wusste, mit wem wir wieder im Krieg sind.

Paul darf nicht wissen, dass ich eine Zeitung habe. Sein nervtötender Patriotismus würde die Mannschaft nur noch mehr reizen. Solange er aber nur säuft und von nichts weiß, ist er zu ertragen.

28. April, Abend:
Habe immer noch keine Ahnung, was Jacques so quält. Vielleicht ist seine Frau aus der Schnur gegangen. Wäre nur gut. Er sollte lieber früh als spät herausfinden, was ein Matrosenleben kosten kann.

***

29. April

Habe mit Jacques gesprochen. Er sagt, er hätte ein ganz schlechtes Gefühl was diese Reise angeht. Dass uns die Möwen meiden, ist kein Zufall, sagt er. Ich mag solche düsteren Vorahnungen nicht. Sie treffen sowieso nie zu und sind nur schlecht für die Moral, ganz besonders, wenn sie eh schon am Boden ist. Habe ihn darum gebeten, mit niemanden darüber zu sprechen.

Nene studiert wieder ein neues Lied ein. Habe ihm befohlen, das nach dem Schlafen gehen oder auf der Wacht zu lassen. Es stört die anderen.

29. April, Abend
Haben Algeciras noch vor Sonnenuntergang erreicht und sind jetzt in der Straße von Gibraltar. Noch eine gute Stunde und wir werden in den Atlantik stechen.

***

30. April

Sind im Atlantik. Das Wasser ist dunkler und riecht ganz anders. An Land glaubt mir niemand, dass der Atlantik nicht wie das Mittelmeer riecht, nicht mal die Fischer. Kein Meer riecht wie das andere.

Mir gefällt nicht, wie sich die Mannschaft verhält. Die Männer sind aggressiv und fahren sich schon wegen Kleinigkeiten gegenseitig an. Der Erste Maat meinte, wir sollten vielleicht eine Strafe für Streitereien einführen. Keine schlechte Idee. Werde darüber nachdenken, wenn es ernster wird.

 

Wir sprachen heute nach dem Mittagessen schon wieder über Politik. Auch wenn die anderen keine Zeitung gelesen haben, die Spannungen können ihnen ja gar nicht entgangen sein. Dieses ganze Wettrüsten ist wie eine Blase, sagte der Erste Maat, und wenn sie platzt, gibt es Krieg, einen Krieg der Kriege, an den wir uns noch in hundert Jahren erinnern werden.

Jakob gab darauf eine gute Antwort: Er meinte, dass Seefahrer schon immer ein ganz eigenes Volk gewesen sind; keine Franzosen, Preußen, Spanier, Briten oder Italiener, sondern ein ganz eigenes Volk auf dem Wasser, das eigentlich gar nicht will, dass sich die hohen Herren in ihre Angelegenheiten einmischen.

Jakob hat sich schon immer gern reden hören, ich stimme ihm aber zu. Bisher habe ich es nur auf Kriegsschiffen erlebt, dass die Besatzung rein aus Franzosen bestand. Heute haben wir neben Franzosen einen Portugiesen an Bord, früher waren es zwei Spanier und ein Elsässer. Auf der See zählt nur, wer dazu taugt, nicht woher man kommt. Die Hanse hat das am besten bewiesen.

***

1. Mai

Endlich Mai. Kann es kaum erwarten, bis der Winter wieder vorbei ist.

 

Wir sind jetzt übrigens zu zwölft:

  • Mein Erster Maat; redet viel, will gern mal Kapitän sein, wird er nie
  • Nene singt und ist immer gut gelaunt, eigentlich
  • Paul der Patriot
  • Robert, unser Lästerweib, ist älter, schon lange Seemann, ein ziemlicher Hurenbock und muss sich immerzu über einfach alles beschweren. Muss mir sein Gejammer jeden Tag anhören.
  • Der Neue ist einer, den noch keiner kennt und der noch seine Geheimnisse hat. Er sieht unverschämt gut aus. So stell ich mir einen Piraten vor.
  • Pipin ist jung und weich und wird oft von den anderen vorgeführt. Pipins sind immer junge, unerfahrene Weichlinge. Als wäre der Name verflucht. Ist einfach so.
  • Jakob ist noch jünger, aber erfahrener; richtig frühreif und härter als die meisten Alten.
  • Adolphe, unser Kraftprotz, der sich allen Halben prügeln muss. Ich will gar nicht wissen, in wie vielen Hafenkneipen er schon Nasen platt gedrückt hat
  • Guy, der Spaßvogel, der sich für keinen Scherz zu kindisch ist
  • Jacques, der Hässliche
  • und Nicholas sind beide die typischen Matrosen, die es auf jedem Schiff geben muss: Genug Kraft im Arm, dafür nur Huren im Kopf, ständig betrunken und stellen sich gerne dumm, um keine schwierige Aufgaben übernehmen zu müssen.

 

Ob der Neue bleiben wird, weiß ich nicht. Er freundet sich kaum mit den anderen an. Lässt sich zwar auch nichts von ihnen gefallen (was auch gut ist), aber er bleibt lieber allein und brütet vor sich hin. Nicholas und Pipin wollen uns anscheinend bald verlassen. Zumindest bin ich mir damit bei Pipin sicher, der ja schon mit mir geredet hat.

Bei Nicholas habe ich dagegen nur die Vermutung. Er wirkt schon die letzten drei Fahrten schlecht gelaunt und versteht sich kaum noch mit der Mannschaft. Wäre schade. Er war einer von denen, die mit jedem gut zurechtkommen, sogar mit Adolphe, den ja sogar nicht einmal der Erste Maat leiden kann

1. Mai, Abend
Ich höre gerade die Männer von unten brüllen und grölen. Das ist endlich ein gutes Zeichen.

***

2. Mai

Wetter wird schlechter. Viel Regen.

Keine Lust zu Schr

***

3. Mai

Die Mannschaft redet inzwischen über nichts anderes als Frauen und diesem Pfaffen in Bastia. Er verfluchte jeden Morgen die Seeleute, dass sie sich den Sünden der Selbstbefriedigung und der Hurerei hingeben und dass Gott sie eines Tages dafür bestrafen wird. Robert hat ihn kurz vor der Abfahrt gefragt, wie man denn sonst Monate ohne eine Frau auskommen soll, worauf der Pfaffe natürlich meinte, er würde schon sein ganzes Leben auf beides verzichten. Jetzt machen sie Witze darüber, dass ihm wahrscheinlich die Hose explodiert, sobald sich ein Weib in seinen Beichtstuhl setzt oder der Saft schon in die Schuhe tropft, wenn er die jungen Mädchen in der Sonntagsmesse sieht.

Ich dulde keine Gotteslästerung an Bord und auch wenn ich es nicht mag, wie die Mannschaft über den alten Pfaffen spottet – ich glaube ihm auch nicht, dass er es so ganz ohne aushält. Glaube nicht, dass das nur allein mit der Kraft Gottes geht.

 

Denke viel an meine Frau. Ich habe sie mit insgesamt fünf anderen betrogen, immer den gleichen Huren an den immer gleichen Häfen. Sie wusste es schon immer. Habe nie ein Geheimnis daraus gemacht. Dass sie sich irgendwann einmal von so einem jungen Pinguin vom Dachboden reiten lässt, war vorbestimmt. Bin ihr schon längst nicht mehr böse.

Ich hätte ihr nicht den Zahn ausschlagen dürfen.

 ***

 4. Mai

Das Wetter wird zunehmend schlechter. Ich weiß, dass der Atlantik ein raueres Pflaster als das Mittelmeer ist, aber es geht gerade schon außerordentlich schlecht voran. Der viele Regen und die riesigen Wellen kosten der Mannschaft Stück für Stück das letzte bisschen Geduld. Habe Raufereien noch einmal mit Nachdruck verboten. Wer sich nicht daran hält, kommt für zwei Tage in die Brigg. Da wir keine hatten, habe ich den alten Funkerraum zu einer umfunktionieren lassen. Weiß nicht, wie lange das als Abschreckung funktioniert, aber ich hoffe doch, dass es zumindest bis zur Hälfte der Reise reichen wird.

Wenn wir am Ziel sind, werde ich behaupten, dass es Probleme mit den Papieren gab und den Männern etwas mehr Freigang verschaffen. Sollen aber vorsichtig. Diese Negerhuren haben mehr Krankheiten als ich an Bord haben möchte.

 

Habe heute auch noch viel über Vater und Onkel Marcus nachgedacht. Ich glaube, dass ich deswegen die Politik nicht mag.

***

5. Mai

Zehn Tage auf See.

Die ewigen Stürme zeigen ihre Wirkung. Wir sind jetzt erst an der Etappe vorbeigekommen, bei der wir eigentlich schon am 2. Mai gewesen sein sollten. Ich hasse Verspätungen und ich hasse es noch mehr, sie den Reedern zu erklären.

Die Drohung mit der Brigg hat überhaupt nicht funktioniert. Heute prügelten sich Adolphe und der Neue. Nicht wild, aber sie haben es getan. Der Neue hat ein blaues Auge, Adolphe wahrscheinlich nur verletzten Stolz. Natürlich konnte mir keiner sagen, wer angefangen hat. Was heißt, das es Adolphe war, einfach weil er immer anfängt, also sitzt er die nächsten zwei Tage in der Brigg. Natürlich fiel mir erst danach auf, dass die Toilette im Funkerraum schon gar nicht mehr funktioniert. Jetzt muss er dreimal am Tag von zwei anderen zu den Toiletten im Heck begleitet werden. Was mache ich eigentlich, wenn sich wieder zwei prügeln und gerade einer einsitzt Und was, wenn wieder keiner angefangen haben will und ich es nicht so leicht entscheiden kann, wie bei Adolphe?

Wieso denke ich Ideen nie bis zum Ende, bevor ich sie ausführe? Ich muss mir eine neue Brigg überlegen. Oder eine Strafarbeit.

***

6. Mai

Das mit der Brigg funktioniert nun doch ein wenig. Adolphe scheint es wirklich stören, den ganzen Tag nur herumsitzen zu können und für jedes Geschäft gleich wie ein Gefangener eskortiert zu werden. Das mit der anderen Brigg sollte ich wirklich noch mal in Erwägung ziehen. Der neue Funkerraum kann dann auch als Ausweichbrigg benutzt werden. Ansonsten gibt es Sonderschichten Latrinenschrubben. Nach dieser Reise haben wir die saubersten Toiletten des Atlantiks.

Paul scheint aber etwas wegen der Zeitung zu ahnen. Er meinte heute, dass es doch ungewöhnlich ist, wenn ich soviel Zeit in meinem Quartier verbringe und dass ich, immer wenn ich das tue, eigentlich lese. Habe ganz vergessen, wie neugierig der Kerl werden kann, wenn er frustriert genug ist.

Jetzt ärgere mich, dass sie uns in Marseille nicht einmal ein paar Tage Landurlaub gegeben haben. Ich bin ja dann der, der die Suppe mit unzufriedenen Männern auszulöffeln hat.

Das Wetter ist weiterhin furchtbar. Regen, Stürme, riesige Wellen und eine Eiseskälte. Der Funk ist ausgefallen. Zumindest empfangen wir nichts mehr. Wenn wir ein anderes Schiff sehen, kommunizieren wir halt wieder mit Fahnen und Feuerwerkskörpern.

6. Mai, Nachtrag
Haben kaum noch Feuerwerkskörper. Wie können die weggekommen sein? Das würde sich die Mannschaft nicht trauen und selbst wenn, hätte ich es doch mitbekommen, wie sie die Raketen verballern.

***

7. Mai

Regen, Regen, Regen. Es will gar nicht mehr aufhören.

Die Mannschaft war heute noch schlimmer als sonst. Ein Haufen dummer Kinder, die jemand auf ein Schiff gelassen hat! Adolphe ist wieder frei und hat sich gleich wieder mit dem Neuen in die Haare gekriegt. Ich frage mich, wann er arbeiten will, wenn er die ganze Zeit in der Brigg sitzt. Dort wird er die nächsten vier Tage sein, die ich ihm von der Heuer abziehe. Wer nicht arbeitet, kriegt auch keine Bezahlung. Das ist meine neue Bestrafung.

Paul ist noch misstrauischer als sonst und schaut jede halbe Stunde in der Brücke vorbei, ob ich gerade lese. Habe ihn daraufhin den Laderaum prüfen und wischen lassen. Ich glaube, er ist jetzt noch damit beschäftigt. Sowieso, was will er mit der Zeitung? Er wird nur wieder jedem erzählen, wie toll Frankreich ist, was besonders jetzt keiner wissen will.

 

Das Rätsel der verschwundenen Raketen habe ich auch noch nicht gelöst. Habe aber so meine Theorien:

  1. Einer der Matrosen hat sie gestohlen, vielleicht auch zwei oder drei zusammen. Unter Alkohol trau ich denen das zu, ganz besonders Adolphe oder Guy. Aber Ersterer war in der Brigg und Guy hätte sie sofort an Deck verschossen. Sowieso, warum sollte man sie stehlen und irgendwo verstecken? Ich werde morgen nach dem Mittag die Quartiere durchsuchen.
  1. Einer von der Lademannschaft oder von den Leuten des Reeders hat sie geklaut. Halte ich aber für unwahrscheinlich. Wenn man das unbedingt tun will, wäre es wesentlich leichter, sie aus dem Lager an den Docks zu stehlen, als von einem Schiff zu tragen, wo dich wirklich jeder sehen kann.
  1. Wir haben schon seit langer Zeit nur noch so wenige Raketen und mir ist es erst jetzt aufgefallen.

Was rege ich mich eigentlich auf? Wir haben so oder so genug Feuerwerk, um tagelang jede Stunde eine Rakete abzusetzen.

***

8. Mai

Habe die Quartiere durchsucht. Keine Spur von irgendwelchen Raketen. Verliere langsam die Lust an diesem Detektivabenteuer.

Heute hat Jacques ganz panisch beim Essen erzählt, das Wasser hätte gestern Nacht grün geleuchtet. Wieso leuchtet das Wasser eigentlich ständig in den Köpfen der Matrosen? Wenn sie genug zu Saufen hatten, erzählen sie immer, dass das Wasser Nachts Blau, Grün, Gelb, Rot oder sonst irgendwie glüht oder dass sie irgendwas darin schwimmen gesehen hätten. Bei all den Geschichten, die ich mir inzwischen anhören durfte, muss das Meer ja bis zum Platzen voll von irgendwelchen Monstern, Meerjungfrauen und Geistern sein.

Grünes Leuchten bedeutet jedenfalls angeblich, dass der Teufel am Schiff vorbeigeschwommen kam – sagen zumindest Robert und Guy. Wusste gar nicht, dass beim Aberglauben jede Farbe unterschiedliche Bedeutungen hat.

 

Wieso hat die Mannschaft Jacques so schnell akzeptiert, den Neuen aber nicht?

Hatte eben eine Idee, die nichts damit zu tun hat.

 

8. Mai, Nachtrag
Habe Adolphe gerade eben freigelassen und ihm gedroht, dass ich ihn für den Rest der Fahrt einsperren lassen werde, wenn er sich noch einmal prügelt. Das ist ein Versprechen! Bei Gott, wenn er sich noch einmal mit wem anlegen muss, sitzt er ein.

***

9. Mai

Ich habe die Orientierung verloren. Die Strömung ist stärker als erwartet und der nicht enden wollende Sturm macht es nicht leichter. Bisher bis auf Kleinigkeiten keine Schäden.

Habe die Matrosen heute bei einem neuen Spiel erwischt: Adolphe, Nene, Nicholas und Jacques (wahrscheinlich, weil er zum Mitmachen gezwungen wurde) standen an der Reling und masturbierten ins Meer. Wer zuerst abspritzt, gewinnt, erklärte mir Adolphe, was ja in der Kälte gar nicht so leicht ist. Guy wäre zwar auch für einen solchen Blödsinn zu haben, aber der ist wahrscheinlich abergläubisch genug, um zu meinen, dass das Meer dann irgendwann davon schwanger wird.

Ich mag dieses Spiel nicht. Finde es eklig. Aber solange es die Mannschaft davon ablenkt, sich zu prügeln, soll es mir Recht sein. Seit ich ihnen verboten habe, ihre Heuer gegenseitig zu verwürfeln, sind sie wirklich kreativ geworden, was neue Spiele angeht. Der Neue und Paul würfeln zum Beispiel seit Monaten um Aufgaben, so wie es sich auf einem richtigen Schiff gehört.

 

Die Moral ist aber immer noch nicht besser. Sonnenschein und klare Sicht würden da schon ein wenig helfen. Meine Frau hatte aber Recht: Tagebuchschreiben hilft mir, ein wenig entspannter zu sein.

***

10. Mai

Habe die Nacht kaum schlafen können. Fühlte mich ständig durch das Bullauge beobachtet und wachte immer wieder auf. Da draußen war aber nichts. Kein Matrose, der sich einen Scherz erlaubte und auch kein Geist oder sonst was. Dieser beschissene Aberglaube steigt mir langsam zu Kopf. Die Mannschaft fragte schon, was ich denn die ganze Nacht gemacht hätte. Man kann mir wohl den Schlafmangel ansehen.

Als das Wetter etwas ruhiger wurde, haben wir in weiter Ferne ein anderes Schiff gesehen, anscheinend ein Kriegsschiff, das in die andere Richtung fuhr. Eine Flagge konnte ich nicht erkennen. Nene meinte, das wäre eine Danton gewesen, ein Typ der französischen Marine. Man muss diesem kleinen Portugiesen wirklich lassen, dass er verflucht gute Augen hat. Bräuchte er keinen Schlaf, würde ich ihn am liebsten jede Nacht auf die Wache schicken. Dieses Kriegsschiff grüßte uns nicht und ich sah auch keine Notwendigkeit darin, es zu grüßen. Komisch war für mich nur, dass ich überhaupt keine Maschinengeräusche hörte.

Die Mannschaft, oder besser gesagt, Robert, bestand darauf, dem nächste Schiff eins mit dem Horn zu blasen. Vielleicht werde ich das auch tun, wenn es ein Französisches ist, denn keiner hier kann Englisch oder Preußisch. Auch wenn ich nicht weiß, was wir mit ihnen zu besprechen hätten.

Die See ist nun endlich still. Ist zwar immer noch nebelig und es regnet in regelmäßigen Abständen, aber jetzt gerade ist es angenehm still. Wie in Indonesien nach einem langen Sturm.

***

11. Mai

Es ist erst kurz nach Mittag und ich schreibe schon wieder. Der Tag heute war bisher auch seltsam genug.

Wir trafen heute Morgen ein zweites Schiff, so unwahrscheinlich das auch ist. Es hatte gerade zu regnen angefangen, da erkannten es die Männer im Nebel: Ein kleiner Eildampfer unter britischer Flagge, in die gleiche Richtung unterwegs wie wir. Aber damit stimmte was nicht. Er fuhr so langsam, dass wir ihn als Frachtschiff mühelos überholen konnten. Wieder keine Maschinengeräusche und auf das Horn reagierten sie nicht. Nene meinte, er würde darauf auch mit dem Feldstecher keine Menschen sehen. Gut, da gab es sehr viel Nebel in der Sicht, aber unheimlich war es schon. Jacques redete vorhin während der Mittagspause von nichts anderem mehr.

Ich muss zugeben, sogar ich bekomme ein wenig Angst. Zwei Schiffe in zwei Tagen, beide totenstill. Auch wenn beide eine Maschinenpause eingelegt haben konnten, sind das doch zwei hintereinander gewesen. Glaube aber nicht, dass das Geisterschiffe waren. Ich glaube nicht, dass es Geisterschiffe überhaupt gibt.

11. Mai, Nachtrag
Viel passierte heute nicht mehr. Jakob ist an Fieber erkrankt, aber wohl nur ein leichtes. Das ist ein Kessel, der ausfällt und uns noch langsamer macht. Er hat mir heute erzählt, dass sein Name eigentlich Preußisch ist und Jacques bedeutet. Ein Preuße ist er aber sicher nicht.

Habe ihm jedenfalls für morgen frei gegeben und seinen Zimmergenossen Pipin zu Nicholas ins Zimmer ziehen lassen, damit er sich nicht ansteckt. Beide waren alles andere als glücklich damit.

***

12. Mai

Heute Nacht heulte der Wind furchtbar und ich fühlte mich schon wieder beobachtet. Die beiden Schiffe haben der Besatzung übel mitgespielt. Sie reden jetzt von nichts anderes mehr als Geisterschiffe und böse Omen. Das sind Menschen des 20. Jahrhunderts! Was glauben die noch an Geister und Dämonen! Ich hoffe, dass uns der Eildampfer einholt und die Mannschaft auslacht. Von seiner Größe her muss er ein Postschiff gewesen sein. Das wird uns bei voller Fahrt schnell überholen.

Für das Kriegsschiff und den Eildampfer gibt es sicher ganz einfache Erklärungen: Als diese Danton an uns vorbeifuhr, in entgegengesetzter Richtung, war das Meertosen sehr laut. Wahrscheinlich hatten wir die Maschinen gehört und sie für Wellenbrechen gehalten. Ist mir schon mal mit einem preußischen Schlachtkreuzer kurz vor Gibraltar passiert. Das Postschiff hatte vielleicht einen Motorschaden oder einfach nur eine Pause eingelegt, was zumindest erklärt, warum es uns kein Hilfesignal gab. Vielleicht hatten sie sogar einen geplatzten Kessel und die Engländer waren einfach nur zu stolz, einen französischen Frachter um Hilfe zu bitten. Wer weiß.

 

Morgen oder übermorgen werden wir die Küste von Monrovia, also die Grenze zum Kap Mesurado erreichen und uns in die Straße einordnen. Ich überlege, ob ich die Männer nicht für zwei Tage an Land gehen lasse. Fester Boden und Frauen werden jetzt sicher Wunder tun.

12. Mai, Nachtrag
Wieder eine Idee nicht zu Ende gedacht: Ich weiß nicht, ob es bei den ganzen aktuellen Spannungen für französische Matrosen sicher ist, bei nicht-französischen Kolonien an Land zu gehen.

Wie dem auch sei: Ich hatte gerade endgültig genug von Pauls Neugier. Er klopfte zweimal in einer Stunde an meine Tür, um iunwichtige Fragen zu stellen. In Wirklichkeit wollte er wohl wissen, wie lange ich brauche, die Tür zu öffnen, weil ich ja erst wieder etwas verstecken muss. Ich habe die Zeitung jetzt von Bord geworfen. Dann sind die Meerjungfrauen wenigstens auf dem neuesten Stand der Dinge.

12. Mai, Zweiter Nachtrag
Guy kam gerade zu mir und sagte, er fühlt sich seit zwei Nächten beobachtet. Habe nichts von meinem Gefühl erwähnt. Ich brauche nicht noch mehr Angst an Bord.

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13. Mai

Ich weiß nicht, ob ich mich heute beobachtet gefühlt habe. Die ganze Nacht war unheimlich genug. Der Wind fing wieder mit dem Heulen an, diesmal so schrecklich, dass ich gegen Morgen kaum noch ein Auge zu bekam. Die Mannschaft redet jetzt, besonders diese Idioten Robert und Guy, nur noch vom Geheul der Geister auf diesen beiden Schiffen und dass sie uns zu sich rufen. Jakob hat sich in sein Zimmer eingeschlossen (er hat die Tür wahrscheinlich mit einem Stuhl verbarrikadiert) und Jacques würde am liebsten mit Robert und Guy wimmern, wenn ich ihm nicht soviel zu tun geben würde.

Arbeit beschäftigt, hat Onkel Marcus immer gern gesagt, und lenkt einem von den Sorgen des Alltags ab. Bin selbst  als Beispiel vorangegangen, habe die Karten geprüft und noch einmal das ganze Schiff nach den Feuerwerksraketen durchsucht – ohne Ergebnis.

Der Nebel und dass es ständig bewölkt ist, machen es mir schwer, unsere Position zu bestimmen. Sobald wir die Küste erreichen, wird dieses Problem gelöst sein. Ich gehe jetzt schlafen und hoffe, dass der Wind diese Nacht nicht wieder so schreit.

13. Mai, Nachtrag
Es muss schon lange nach Mitternacht sein. Der Wind heulte jetzt so laut, wie noch nie. Aber das war es nicht, was mich dazu brachte, jetzt noch mal Licht der Öllampe zu schreiben. Guy, Pipin und Adolphe haben mich vorhin geweckt; aus Jakobs Quartier wären Stimmen gekommen. Jakob hat tatsächlich mit sich selbst geredet. Es hörte sich so an, als würde er irgendetwas unter Tränen anflehen (wahrscheinlich Gott).

Wir mussten gemeinsam gut fünf Minuten gegen seine Tür hämmern, bevor er endlich damit aufhörte und sie öffnete. Er sah furchtbar aus: Ausgemergelt, blass und kraftlos, so wie ich es von dem eigentlich recht groben Burschen nie erwartet hätte.

Sein Fieber scheint gesunken zu sein. Das ist gut und auch nicht gut. So hätte ich wenigstens seine Selbstgespräche darauf schieben können.

***

14. Mai

Mittag
Endlich Land! Nene hat es wieder als Erster gesehen, vielleicht eine Minute vor mir. Es ist immer noch sehr nebelig und regnet auch noch viel, aber wir konnten es trotzdem gut erkennen. Schwarze Klippen, Strände, Büsche und Palmen, das ist alles, was ich im Moment sehen kann. Ich will nicht näher heranfahren, aber es ist zumindest ein Hoffnungsschimmer. Folgen wir ihm, werden wir sicher bald wieder Anschluss zu den Handelsrouten oder eine Kolonie finden. Die Mannschaft ist offensichtlich erfreut darüber. Das ist die gute Nachricht.

Die Schlechte: Das ist nicht die Küste um Monrovia und wahrscheinlich noch nicht mal die von Liberia. Wir müssen immer noch viel weiter nördlich sein. Hätte nie gedacht, dass wir soweit vom Kurs abgekommen sind. Habe es dem Ersten Maat erzählt und ihm befohlen, es nicht weiter zu sagen. Kenne ihn aber gut genug, also wird es vielleicht noch zwei Tage brauchen, bis mich die Mannschaft fragen wird.

Zuerst diese endlosen Stürme, dann die zwei Geisterschiffe und jetzt auch auf falschem Kurs. Ich weiß nicht einmal, wo genau wir sind. Dank den dichten Wolken kann man nicht mal erkennen, wo die Sonne auf und wo sie untergeht. Zum Glück funktioniert der Kompass noch einwandfrei.

14. Mai, Abend
Jakob scheint wieder gesund zu sein, einigermaßen. Lief den ganzen Tag wie eine Leiche herum. Tiefe Augenringe, der Blick gebrochen und einen Atem, den man nicht mal hören konnte, wenn man direkt neben ihm stand. Er aß und trank nichts, den ganzen Tag keinen Bissen und keinen Schluck. Er hat sich nicht einmal nach dem Essen etwas aus der Küche geholt. Aber zumindest hat er kein Fieber mehr. Habe ihm heute noch den Tag frei gegeben. Wenn er sich gut genug fühlt, muss er morgen wieder an den Ofen. Wir müssen die verlorene Zeit irgendwie wieder aufholen und Robert ist ein schlechter Ersatz als Köhler.

***

15. Mai

Das Land ist wieder weg. Vermutlich sind wir übernacht wieder von der Strömung weggezogen worden oder die Küste hat einen Bogen gemacht. Keine Ahnung, spielt auch keine Rolle. Zu meinem Glück rechnet man aber bei Kursen um den Kap immer mit Verspätungen. Was waren das für Stürme, die uns soviel Zeit gekostet haben?

Auch wenn das Land wieder weg ist, dafür hat es die Nacht nicht mehr so geheult. Habe endlich mal wieder durchgeschlafen. Hab sogar geträumt. Endlich mal wieder. Dass ich Teil von einem großen Ganzen bin, wie das Mitglied einer Besatzung oder besser, der Teil eines Körpers. Jeder hat mich gebraucht und ich brauchte sie, so lange. Dann veränderte sich etwas. Kann es nicht beschreiben, aber einige mussten fort. Ich mache noch mit, wähle andere aus unserem Körper, bis sie schließlich auch mich verbannten. Sie rissen mich

15. Mai, Abend
Kaum ist das Land verschwunden, kommen die Ängste zurück. Pipin meinte heute vor versammelter Mannschaft, er hätte während der Wache ein Licht unter dem Wasser tanzen sehen. Dreimal in der Nacht. Es wäre dem Schiff gefolgt, hätte sich aber nach kurzer Zeit wieder aus dem Staub gemacht. Dann kam Jacques wieder mit seiner Geschichte vom glühenden Wasser und alle phantasierten einmal mehr über Geisterschiffe – allen voran diese zwei ewig abergläubischen Panikmacher Robert und Guy. Habe überlegt, sie beide in die Brigg zu sperren. Dort könnten sie  den ganzen Tag über ihre irren Phantastereien spinnen und wir hätten wieder unsere Ruhe, allerdings auch eine Arbeitskraft und den Koch weniger.

Jakob war heute genauso eine Leiche wie gestern. Sprach kein Wort, aß kaum etwas (wenigstens aber etwas) und zog in einer Trauerstimmung übers Schiff. Gearbeitet hat er heute noch nicht. Er sieht furchtbar aus. Diese Blässe. Als wäre er dem Tod persönlich gegenüber gestanden und dabei war es doch nur Fieber gewesen. Oder habe ich da etwas übersehen? Für so was brauchen wir einen Arzt an Bord, aber die Reederei würde das niemals bezahlen.

Und eben dieser Geist Jakob bat mich, ihn heute für die Wache einzuteilen. Heute Nacht will er wach sein, meinte er, warum auch immer. Ein bisschen Beschäftigung wird ihm  nicht schaden, also habe ich ihn zugeteilt. Er hat mit Pipin, seinem besten Freund Dienst. Hoffentlich erzählt der ihm bloß nicht zuviel von seinem Licht.

15. Mai, Nachtrag
Habe vorhin Paul auf dem Gang getroffen. Er schüttelte immer wieder den Kopf, wie ein irrer Hund. Werden jetzt alle verrückt?

***

16. Mai

Jakob ist verschwunden.

Pipin hat mich heute Morgen geweckt und meinte, er hätte Jakob verloren. Hat total aufgeregt von seinem Licht und Geistern geredet. Er erzählte, dass Jakob zum Pinkeln an die Reling auf die andere Seite vom Schiff ging, als das Licht im Wasser wieder auftauchte, angeblich für weniger als eine Minute und kaum war es erloschen, war Jakob auch schon weg. Das passt natürlich sehr gut in die Geschichte von den Geistern, die sich Seefahrer holen.

Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Habe erst mal das ganze Schiff durchsuchen lassen und selbst mitgemacht. Jakob ist nicht mehr an Bord. Wenn doch, hätte er sich besser als die Ratten versteckt.

Jetzt erzählt sich die Mannschaft alle möglichen Geschichten von toten Matrosen, die ihre lebenden Kameraden zu sich ins Wasser ziehen. Frage mich, was wirklich passiert ist. Hat Jakob vielleicht den Freitod begangen? Oder wahrscheinlicher: Er hat einen Schwächeanfall bekommen (er sah immer noch schrecklich aus), hat beim Pinkeln das Gleichgewicht verloren und ist ins Wasser gefallen. So oder so ist das gar nicht gut. Ein toter Kamerad wird der Mannschaft die Moral kosten. Oder was noch davon übrig ist. Ich werde morgen eine Andacht für ihn halten.

Wenn ich nur langsam wüsste, wo wir eigentlich sind.

16. Mai, Abend
Pipin und seine Scheißangst machen mich ganz verrückt!

Aber ich weiß inzwischen, dass Jakob Selbstmord begangen hat. Ich bin heute zusammen mit dem Ersten Maat und Adolphe in sein Quartier: Er hat ein riesiges Chaos hinterlassen: Seine Kleidung lag wild auf dem Boden verstreut und anscheinend hat er versucht, sein Bullauge mit einer Gabel zu zerkratzen. Zwischen all der Unordnung haben wir einen unheimlichen Abschiedsbrief gefunden.

 

Ich übertrage ihn ins Tagebuch, weil ich das Original den Reeder überlassen will (er soll dann entscheiden, ob ihn der zuständige Pfarrer lesen soll oder nicht):

Er sagt, er nimmt mich als Erster
   weil mein Willen schon bricht
   zerreißen wird er meine Seele
   und zermalmen meine Knochen.
   Wenn ich singe, lässt er mich liebevoll verstummen.
   Wenn ich aber schreie,
   oh, ich werde schreien,
   vom Tag bis zur Nacht.
   Wir sind alle geladen,
   er bittet zu Tisch.

Mir stellt es die Haare auf, wenn ich diesen irren Abschiedsbrief nur ansehe. Werde ihn jetzt gleich in der Brücke deponieren und das Fach verschließen. Hätte ich nur Pipin mit Jakob im Zimmer gelassen – dann wäre das jetzt gar nicht notwendig.

Unheimlich daran ist auch (also neben einfach allem), dass Jakob kaum Lesen und Schreiben konnte. Er muss es in den letzten Wochen gelernt haben. Zumindest weiß ich jetzt, wohin mein zweites Tintenfass und mein Füllfederhalter verschwunden sind (und dass sie mir überhaupt gefehlt haben).

Ich habe jedenfalls dem Ersten Maat und Adolphe strengstens verboten, mit irgendwem darüber zu sprechen. Die Besatzung ist kurz davor den Verstand zu verlieren und einen Aufstand können wir jetzt wirklich nicht riskieren.

16. Mai, Nachtrag
Ich kann es sehen. Das Wasser leuchtet grün!

***

17. Mai

Früher Morgen
Bin sehr müde.

Zuerst habe ich dieses seltsame Leuchten gesehen. Ich bin davon aufgeweckt worden. Weiß nicht, ob es das ist, was Wissenschaftler eine optische Täuschung nennen, aber es hat wirklich geleuchtet. Es hörte dann zum Glück einfach auf. Vor lauter Angst konnte ich kaum schlafen. Dieser blöde Pipin und seine verfluchten Geistergeschichten!

17. Mai, Abend
Der Tag kann kaum noch schlimmer werden. Wir haben wohl einen Mörder an Bord.

Beim Morgenappell fiel es gleich auf, dass der Erste Maat fehlte. Er ist wie Jakob verschwunden. Einen Abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen, dafür haben wir auf der Treppe am Bug Blutspuren gefunden. Eine kleine, frisch getrocknete Pfütze auf den Stufen und ein paar Spritzer an der Wand. So als hätte ihm jemand von hinten den Schädel mit einem Knüppel eingeschlagen. Keiner hat natürlich was gehört. Dafür haben Pipin, Robert und der Neue auch das grüne Leuchten gesehen.

Und es kommt noch besser: Angeblich erzählte der Erste Maat Nicholas komische Geschichten, von wegen er hätte in den letzten Tagen furchtbare Alpträume gehabt, hätte sich nachts beobachtet gefühlt und ein Flüstern gehört, das ihm die schrecklichsten Dinge erzählt hätte. Die ganze Mannschaft faselt jetzt nur noch von Geistern und dass sie heute Nacht alle aufbleiben werden. Natürlich hat ihnen Nicholas noch von Jakobs Abschiedsbrief erzählen müssen. Paul hat den ganzen Tag wie eine Frau geweint und Jacques erbrochen, vor Angst. Wusste gar nicht, dass das möglich ist.

Ist alles gerade etwas viel. Der Verlust des Ersten Maates trifft mich hart. Er war ein fähiger Zweiter Mann und hat sich an wirklich jeden meiner Befehle gehalten. Besonders gut war er, wenn es darum ging, den Zorn auf sich zu lenken und meine Autorität unangetastet zu lassen. Ohne ihn wird es schwer sein, die Mannschaft ruhig zu halten. An eine Andacht für die beiden ist in nächsten Tagen nicht zu denken.

 

Zu der Mördertheorie: Ich hörte gruselige Geschichten aus England, in der ein Mann Frauen einfach zum Spaß umbrachte. Angeblich gibt es Menschen, die andere nur zum Spaß ermorden. Vielleicht haben wir so ein Monster auf dem Schiff. Er hat Jakob aufgelauert und ihn von Bord gestoßen; den Ersten Maat musste er wohl von hinten niederschlagen.

Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer das getan haben könnte. Ich kenne meine Besatzung und keiner hat den Willen, seine Kameraden umzubringen. Und der Neue kann es eigentlich nicht gewesen sein: In seinen Augen sehe ich mehr Angst als dunkle Seiten. Verdächtig sind mir Nene und Robert: Nene blieb mir in letzten Tagen etwas zu gelassen, Robert ist seltsam. Ein böses Gefühl sagt mir aber, dass es keiner meiner Leute war.

Höre die Männer draußen auf den Korridoren marschieren. Heute Nacht wird wohl keiner schlafen.

17. Mai, Nacht
Kann es kaum beschreiben.
Es ist wirklich wahr!
Sie haben mich geweckt. Das Licht ist wieder da.

Habe es im Wasser gesehen: Eine große Kugel aus Licht. Tauchte unter und verschwand. Paul ist weg. Es hat ihn mitgenommen. Habe solche Angst.

17. Mai, 18. Mai, ich weiß es nicht.
Niemand schläft mehr.

Habe die Stelle untersucht, an der wir das Blut des Ersten Maats gefunden haben. Da lag ein Zahn, ich glaube ein Backenzahn. Er liegt jetzt vor mir auf dem Tisch. Ein Backenzahn.

***

18. Mai

Ich weiß nicht, wo wir sind. Es ist immer bewölkt oder es regnet. Ich kann unsere Position einfach nicht mehr bestimmen. Der Funk ist tot, der Kompass lügt. Wir sind den ganzen Tag nach Osten gefahren und müssten schon längst an der afrikanischen Küste sein, egal an welcher. Aber da ist nur noch mehr See.

 

Ich will nicht ausweichen, ich muss es aufschreiben:

Heute Nacht habe ich es gesehen. Beschreiben kann ich es nicht. Nicholas und Jacques hämmerten gegen Mitternacht gegen meine Tür und meinten, dass da etwas aus dem Wasser kommt. Als ich an Deck war, habe ich es gerade noch untertauchen sehen. Es war eine Kugel aus grünem Licht, wie die Sonne hell, nur halt grün, so groß und so breit wie zwei Männer. Ich glaube, eine Gestalt gesehen zu haben, nämlich Paul, irgendwo bei der Kugel. Sie tauchte immer tiefer und erlosch viele Meter unter dem Schiff. Ich weiß nicht, was ich gesehen habe, aber dieses Gefühl war wieder da! Ich konnte es spüren. Es fühlte sich wirklich ganz genau so an, wie diese mulmige Angst im Hinterkopf, als ich mich beobachtet gefühlt habe. Das war dieses Ding! Ich bin mir ganz sicher. Es hat mich die Nächte beobachtet.

Pipin, der sich vor Angst in die Hose gepinkelt hat, erzählte später, dass es Paul regelrecht überrascht hat. Das Wasser glühte, auf einmal erleuchtete etwas das Oberdeck, Paul, unser Patriot Paul, schrie wohl entsetzlich. Nicholas, Jacques und ich kamen erst an Deck, als sich die Kugel wieder zurück ins Wasser warf.

Habe unseren einzigen Zeugen dazu die ganze Nacht befragt. Er sagte, die Kugel hätte sich schwerfällig bewegt, wie eine fette, riesige Kröte aus Licht. Ich will nicht glauben, dass wir seit drei Tagen von einem leuchtenden Monster heimgesucht werden, dass die Männer einem nach dem anderen in die Tiefe zieht. Hätte ich es nicht gesehen. Das war keine Täuschung und auch keine Einbildung.

 

Am Morgen hat mir Nicholas erzählt, dass auch Paul schon seit Tagen eine Stimme hörte. Er zitierte grausame Drohungen: Er, so hat er sich ihm vorgestellt, wollte noch lange mit Paul reden, bevor er ihm die Haut vom Gesicht reißen wird. Er wird seine Lunge zerkauen, noch während er ihm von sich erzählt. Paul, der ähnlich nüchtern wie ich sein konnte, wenn er nicht gerade wieder Frankreich lobte, hat ihr natürlich nicht geglaubt und sie für einen Alptraum gehalten.

Möge Gott seiner Seele gnädig sein, wenn er wirklich vom Teufel gefressen geworden ist. Genauso bete ich für Jakob und meinen Ersten Maat.

Robert und Jacques hören angeblich auch so eine Stimme. Habe heute versucht, sie zu befragen, aber Jacques reagiert schon gar nicht mehr auf andere (er sitzt nur noch da und weint) und Robert will davon nichts wissen. Ich werde Nicholas vorerst zum Ersten Maat machen. Wir brauchen Struktur, ganz Besonders jetzt!

18. Mai, Abend
Wir nähern uns jetzt einer Wand aus dunklem Nebel. Daraus grollt und donnert es. Als würde eine Sturmwolke direkt über das Meer ziehen. Unsere Maschinen sind immer noch stark genug, um es mit schweren Stürmen aufzunehmen. Vielleicht können wir so dem Teufel entkommen.

***

19. Mai

Morgen
Unsere Fahrt durch den Schrecken hat kein Ende genommen. Bin sehr müde. Habe nur sehr wenig geschlafen, die zweite Nacht jetzt schon.

Hinter der Nebelwand wartete ein heftiger Sturm. Riesige Wellen, so hoch wie Fabrikschlote; eiskalter, grausam heulender Wind und Regentropfen, so fest wie die Faustschläge eines Bretonen. Dazu grollender Donner, den man in den Zähnen spüren konnte, aber keine Blitze. Zweimal hatte ich Angst, das Schiff kentert. Zweimal habe ich mich getäuscht.

Als der Sturm endlich etwas nachließ, drehte Robert plötzlich durch. Er schrie irgendwas von wegen, er käme ihn jetzt holen, das Schiff sei verflucht, er müsse weg und was weiß ich noch alles. Dieser Wahnsinnige hat, noch bevor ich es bemerkt habe, tatsächlich eines der Rettungsboote klar gemacht und sich mit Jacques zu Wasser gelassen, noch bevor irgendwer eingreifen konnte. Beim allerheftigsten Sturm mit häuserhohen Wellen! Ich dachte, dass sie sofort kentern und ertrinken. Stattdessen kam, kaum waren sie vielleicht zwanzig Meter vom Schiff entfernt, das Monster aus der Tiefe. Es leuchtete hell genug, so dass es wirklich keiner übersehen konnte, selbst bei diesem Wetter nicht. Robert und Jacques sahen es auch und haben gerudert wie verrückt, aber gegen die Wellen kamen sie nicht an – keiner wäre das. Das Monster schien damit jedoch keine Probleme zu haben. Es trieb auf die beiden zu, zerbrach das Boot durch bloße Berührung und zog Robert in die Dunkelheit. Ein hilfloses, zappelndes Männchen. So etwas Grausiges habe ich noch nie gesehen.

Wir wollten Jacques retten, vergeblich. Er kam nicht gegen die riesigen Wellen und die Strömung an und wurde von ihnen weggetragen. Ich weiß nicht einmal, ob er uns rufen gehört hat, so laut war der Donner.

 

Es ist jetzt früher Morgen des 19. Mai. Der Sturm wurde zu stark und wir sind umgekehrt. Vor etwa drei Stunden kamen wir wieder aus dem Nebel, seit Sonnenaufgang fahren wir ihn nun entlang: Es ist eine Wand, die sich als ein Kreis um einen Fleck im Meer zieht. Das hat Jakob wohl damit gemeint: Der Tisch, zu dem wir geladen worden sind. Ein Esstisch.

Werde jetzt schlafen gehen. Bin zu müde.

19. Mai, Abend
Jakob, Jacques, der Erste Maat, Paul und Robert sind fort. Vielleicht hat das Monster sie so tief hinunter gezogen, bis ihnen der Schädel platzte; vielleicht hat es sie aber auch schon davor gefressen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, ob es sie überhaupt frisst. Jacques ist zumindest ertrunken. Ein grausamer Tod, aber hoffentlich besser, als die Beute von diesem Ding zu werden.

Ich konnte heute vor Angst kaum noch aus dem Bett aufstehen. Der Mannschaft geht es nicht anders. Was, wenn das Monster heute Nacht wieder zurückkehrt? Wen wird es dann holen? Wir wollen uns jedenfalls im Schiff verstecken. Vielleicht passt es nicht durch die Korridore und wenn doch, wie will es durch verschlossene Türen durch? Ich erinnere mich an die Spuren des Ersten Maats. Vielleicht hat er zu fliehen versucht und es musste ihn erwischen, bevor er unter Deck entkommen wäre. Ich habe heute zur Vorsicht die Wacht nach unten in den Speisesaal verlegt. Wenn sie an Deck müssen, sollen sie durch die Bullaugen sehen, ob das Wasser glüht. Als ob heute Nacht irgendjemand schlafen könnte und wir eine Wacht bräuchten.

Ich kann auch nicht sagen, wer der Nächste sein wird, falls das so funktioniert, wie ich vermute. Also, wenn es jede Nacht einen von uns raubt. Wir sind noch sieben Mann. Vier von uns hören angeblich Stimmen. Nicholas, Nene und ich nicht. Nene wirkt weiterhin unheimlich ruhig, genauso wie Adolphe seit gestern oder heute.

Wie auch immer, ich habe den Waffenschrank geöffnet und die Pistolen an die Mannschaft verteilt. Weiß nicht, ob man so ein Monster mit Kugeln töten kann, aber es verleiht uns zumindest eine gewisse Sicherheit. Den Rest des Tages werde ich damit verbringen, unsere Lage zu überdenken. Solange fahren wir diese Wand aus Sturm oder was das ist (die Männer nennen sie den Tellerrand) entlang und suchen nach einer Lücke.

***

20. Mai

Diese Nacht ist echt nicht gekommen.

Weiß nicht, warum. Ich glaube aber, dass es sich Jacques’ Leiche geholt hat. Er war, so wie ich das vermute, nach Robert der nächste auf seiner Liste. Deswegen ist er wahrscheinlich auch zu ihm ins Boot gesprungen. Würden sie jetzt noch leben, würde ich sie fragen, ob sie auf einem Rettungsboot nicht eine viel leichtere Beute wären als auf dem Schiff. Aber ich mache es mir hier leicht. Wer Angst hat, tut Dummes. Das sollte ich am Besten wissen.

Dass der Teufel nicht erschien, ist gut. Die Mannschaft atmet auf. Ich habe viele schlafen geschickt. Pipin schlief auf einem Esstisch im Speisesaal. Nicholas, Nene, der Neue und ich steuern das Schiff jetzt in Richtung des Landes, das wir am 14. Mai passiert haben. Ich weiß nicht, was ich mir eigentlich von dort erhoffe. Eine Antwort? Oder Rettung? Mein Gefühl sagt mir, dass wir beides nicht bekommen werden. Zudem, ein Schiff, das zwölf Mann braucht mit nur sieben zu lenken und anzutreiben, ist eine wahre Tortur. Gerade einmal Nicholas blieb heute auf der Brücke. Der Rest schaufelte, einschließlich mir selbst.

20. Mai, Abend
Der Neue schluchzte den ganzen späten Nachmittag lang oder er hämmerte wütend mit den Fäusten gegen die nächste Wand. Er wird kommen, flüsterte er mir, heute Nacht und ihm die Augen aus den Höhlen lecken und ihn im Dunkeln irren lassen, bevor er ihn langsam von den Füßen aufwärts verspeist. Dieses Licht muss der Teufel sein, wenn er den Männern solche Drohungen flüstert. Ich habe dem Neuen gesagt, er soll sich in einem fensterlosen Raum im Schiff verstecken. Vielleicht kann ihn so das Monster nicht finden. Er hat sich jetzt im alten Funkerraum, nicht weit von meinem Quartier versteckt.

Ist es Glück, dass ich noch keine Stimme höre?

20. Mai, Nacht
Rauch und Schwefel haben mich geweckt. Schreie aus dem Funkerraum. Der Neue ist weg. Überall Blut. Niemand kann dem Teufel entkommen.

Habe solche Angst.

***

21. Mai

Er kam und holte sich den Neuen. Niemand ist vor ihm sicher.

Ich habe wohl tatsächlich geschlafen, als mich der furchtbare Gestank von geschmolzenem Eisen weckte. Er erinnerte mich noch an das Stahlwerk in Paris, wo ich ihn schon einmal gerochen hatte und ich musste wohl erstmal verstehen, wo ich eigentlich gerade war, da hörte ich dann schon den Neuen aus dem Funkerraum schreien. Oh Gott, wie er geschrien hat. Ich habe noch nie einen Menschen so schreien hören.

Natürlich kam ich zu spät. Sowieso, was hätte ich denn getan, wenn ich rechtzeitig gekommen wäre? Dieses Ding muss an Bord geklettert sein und sich dann durch das Deck geschmolzen haben. In der Decke im Funkerraum ist jetzt noch ein großes Loch; seltsam verschmolzen, als hätte man Butter mit einem Schwefelholz bearbeitet.

Warum der Neue nicht um sein Leben gerannt ist oder ob er es überhaupt hat kommen sehen, werde ich nie erfahren. Der ganze Raum ist voller Asche und von unserem Kameraden nur noch Schuh übrig. Alles deutet darauf hin, dass er noch zur Tür fliehen wollte, aber der Teufel war wohl schneller. Er muss gewusst haben, wo er ist.

Heute Nacht wird er sich Adolphe holen.

 

Nene hat mir am Morgen, als wir zusammen Asche wegwischten und Metallklumpen einsammelten, etwas Unheimliches erzählt: Angeblich war die Danton, die wir am 10. Mai gesehen haben, mit ähnlichen Löchern übersät. Geschmolzene Kreise, wie wir jetzt einen im Oberdeck haben. Er meinte zudem, dass dem britischen Eildampfer das komplette Dach fehlte. Unser Gefühl hat uns also nicht getäuscht. An Bord der Schiffe war niemand mehr am Leben.

Guy liefert seit Stunden die wildesten Ideen, was es sein könnte. Der Teufel, der Leviathan, aber es könnte auch ein uralter Meeresgott sein, der von unseren Taten erzürnt worden ist. Vielleicht ist es auch einfach ein menschenfressender Geist der See. Als er mir seine Theorien erzählte, lehnte er sich plötzlich mit einem düsteren Blick vor. In seinen Augen konnte ich wahrhaftig den Tod sehen. Dann flüsterte er, dass er ihn bald rauben will. Und dann darf er ihm die wildesten Geschichten erzählen, solange das Monster nur seine Därme frisst und ihm das Fleisch von den Beinen zieht. Mit allem, was er zum Reden braucht, wird es bis zuletzt warten. Das hätte er wohl gern, versicherte mir Guy und grinste. Er grinste und in seinen Augen war der Tod. Der Teufel wird ihn wohl nicht lebend kriegen.

 

Die Lage ist katastrophal: Wir sind nur noch Sechs. Von einer Moral will ich gar nicht erst reden. Ich habe Befehl gegeben, den Kurs zu diesem Land beizubehalten. Hoffentlich erreichen wir es, bevor es uns alle geschnappt hat.

Heute Nacht jedenfalls beschützen wir Adolphe. Jeder von uns hat eine Pistole (sechs waren im Schrank) und wenn es durch Blei zu verwunden ist, wird es sterben. Keiner ist ausgeschlafen, aber alle bereit. Wir werden an Deck warten, auf Adolphes eigenen Wunsch hin. Dort können wir es auch besser kommen sehen.

Gott im Himmel, ich bitte dich, führe unsere Hand im Kampf gegen deinen Feind.

 

21. Mai, Spätacht
Warum lässt Gott so eine Grausamkeit zu?

Warum tut er uns das an?

Warum wirft er uns dem Teufel zum Fraß vor?

Meine Hände zittern, mein rechtes Ohr ist taub. Ich musste viel Rum trinken, um mich nicht ständig zu übergeben. Das ist zuviel für mich. Ich weiß jetzt noch nicht einmal, was wirklich geschehen ist.

Also versuche ich es aufzuschreiben. Vielleicht ergibt es so einen Sinn.

Wir haben gewartet, direkt am Bug, die Waffen in den Händen, bis das Wasser wieder grün erleuchtete und uns allen klar wurde, dass er jetzt kommt. Diese helle Lichtkugel stieg wie ein Heißluftballon aus der Tiefe, hat sich wie eine Schnecke an die Schiffswand gehängt und ist fast gemütlich hinaufgekrochen. Wir eröffneten das Feuer; Nicholas direkt rechts neben mir. Hat mich damit halb taub gemacht.

Ob wir ihn getroffen haben, weiß ich nicht. Die Kugeln sind irgendwie einfach durch ihn hindurch geflogen. Sie sind nicht abgeprallt und haben ihn auch nicht erwischt. Es war so, als wäre er gar nicht da gewesen, wie ein Geist. Er erreichte widerstandslos das Deck. Nicholas und Adolphe versuchten ihn mit den Köhlerschaufeln zu bekämpfen, ohne Wirkung. Wieder sind sie nicht abgeprallt, sondern einfach hindurch. Zuerst war es so, als würde er uns überhaupt nicht bemerken, dann wuchsen ihm Arme aus dem gleichen grünen Licht und peitschten Nicholas zurück. Der Teufel verbrannte ihm den ganzen Rücken. Mit jedem Hieb stank es, als würde man ein Schwein lebendig ins Feuer werfen und genauso hat Nicholas auch geschrien.

Was dann passierte, war noch schlimmer. Er packte Adolphe mit seinen Armen, der arme Kerl hat gebrüllt und gezappelt, während ihn der Teufel  in seinen Körper gestopft und zerkaut hat. Richtig zerkaut. Ich habe es gehört und gesehen. Dieses Knacken, als seine Knochen brachen und das Stöhnen und wie es sein Fleisch zerrissen hat. Sein Kopf ist zerquetscht worden; sein Körper verkrümmte sich, als hätte er keine Knochen und seine Haut platzte auf. Unsichtbare Zähne haben ihn verspeist. Trotzdem blieb Adolphe am Leben, die ganze Zeit, sogar als der Teufel schon seinen Kopf zerdrückt hat. Ich schwöre, er hat auf eine unheilige Art noch gelebt.

Der Teufel hatte jedenfalls bekommen, weshalb er gekommen war. Er warf sich träge und von unseren Angriffen unbeeindruckt über die Reling und tauchte unter. Von Adolphe blieb nur eine riesige Pfütze Blut auf dem Deck.

Ich saß die ganze Zeit nur da und konnte nichts tun. Ich hatte einen Revolver in meiner Rechten, aber ich konnte nicht schießen oder ihn auch nur heben. Zu meiner Linken lag eine Schaufel, aber ich konnte nicht mal meine Arme ausstrecken. Ich saß einfach nur da, gelähmt und sah zu, wie einer meiner Männer in einen Mund aus Licht gesteckt, gekaut und gefressen wurde.

 

O Herr im Himmel, warum tust du uns das an? Warum verfütterst du deine Schafe an den Wolf? Warum opferst du uns wie Tiere?

***

22. Mai

Von uns sind nur noch fünf übrig.

Es geht kaum noch voran. Morgen erreichen wir mit etwas Glück dieses Land, wenn überhaupt noch. Vielleicht können wir uns im Inland vor dem Monster verstecken, aber Hoffnung habe ich keine. Pipin redet davon, dass es vielleicht nur Butterland gewesen ist – neblig genug dafür war es allemal. Ich erinnere mich allerdings noch sehr genau an die Palmen und die schwarzen Klippen. Sie trieben viel zu echt an uns vorbei. Zu echt für ein Butterland.

Nicholas’ Rücken sieht schlimm aus, allerdings scheint es ihm wenig auszumachen. Ab und an verzieht er vor Schmerz das Gesicht. Die Stimmung ist furchtbar. Keiner hat mehr Hoffnung. Das Monster frisst sich durch Stahl und ist durch keine Waffe zu verwunden. Es wird wohl einen nach dem anderen holen, bis das ganze Schiff leer ist.

Guy gibt nur noch seltsame Wortfetzen von sich. Er stammelt und weint und schüttelt ständig den Kopf, wie Paul, kurz bevor er geholt wurde. Wahrscheinlich ist er heute Nacht an der Reihe.

***

23. Mai

Vorhin bin ich auf dem Deck auf und ab gegangen. Hab gelauscht, wie meine Stiefel auf den Planken quietschen und wie die Motoren durchs ganze Schiff rumoren. Der Sturm in der Nebelwand hat keine Fische an Bord gespült und es gibt hier auch keine Möwen. An der Tür zur Brücke sind gemeine Rostflecken. Wir haben sie hundertmal überpinselt. Aber der Rost gewinnt. Du kannst ihn übermalen oder abkratzen. Wenn es Stahl ist, gewinnt am Ende der Rost.

Kann nicht mehr schreiben.

Alles zu furchtbar.

***

24. Mai

Mittag
Wir sind nur noch zu dritt.

Habe seit gestern Mittag nichts mehr gegessen. Ich konnte es nicht. Wollte angeln. Hat aber kaum was angebissen. Auf seinem Tisch (so nenne ich inzwischen diesen Fleck im Meer) scheint es nur sehr wenige Fische zu geben. Wahrscheinlich frisst er sie, solange er keine Matrosen fängt.

 

Gestern hat er sich Pipin geholt. Davor Guy. Aber eines nach dem anderen.

Eine Stunde bevor das Wasser wieder glühte, machte Guy seine Drohung schließlich wahr und nahm sich das Leben. Ich habe nur den Knall vom Deck gehört und bin zusammen mit den anderen schnell nach oben. Guy lag vorne am Bug, wo er vor drei Tagen Adolphe geholt hat. Eine Kugel im Kopf. Schöner und schneller wird keiner von uns aus dem Leben scheiden, dachten wir wenigstens noch.

Ich verband Guys Wunde, wusch ihm mit einem Schwamm das Blut vom Kopf und legte und verschnürte die Hände zum Gebet zusammen. Kein Gott wird ihn für diesen Freitod bestrafen. Anschließend warfen wir die Leiche über Bord. Der Teufel sollte ihn sich weit weg von unserem Schiff holen.

So seltsam das klingt, es war beruhigend. Wenn das Monster seine Leiche holt, lässt es uns in Frieden. Nur Pipin weinte und weinte. Wir alle wussten, wer die Nacht des 23. Mai nicht überleben würde.

In der Nacht zuvor, etwa fünf Stunden nachdem Guy über Bord gegangen war, hörte ich entsetzliche Schreie von genau dem Mann, der sich doch erschossen hatte. Sein furchtbares Kreischen jagte einen Moment lang über das Meer. Als wäre es im Wind. Die Stille danach war umso schlimmer.

Ich weiß nicht, ob ihn das Monster wiedererweckt und dann gefressen hat oder ob da einfach nur seine Seele heulte. Aber dafür weiß ich, dass dich nicht einmal der Tod vor ihm retten kann. In der Nacht nach dem Schrei weinte ich mich stundenlang in den Schlaf.

 

Als nächstes folgte Pipin.

Der arme Junge versuchte es zuerst mit dem Glauben. Er legte ein Kruzifix an und betete zu Gott und als das Monster kam, flehte und bettelte er es an – er versuchte sogar, uns alle zu verkaufen – aber es riss ihm einfach Arme und Beine aus und verschluckte seinen schreienden Torso. Ich konnte nicht mehr hinsehen und bin nach unten geflohen. Zuvor haben wir in einem letzten traurigen Versuch, uns zu verteidigen, alle Patronen verschossen und eine Schaufel verloren. Und wenn schon! Es gibt sowieso nicht mehr genügend Hände fürs Kohleschaufeln.

Heute Morgen habe ich das viele Blut allein weggewischt. Pipin hinterließ keine Fleischfetzen oder sonstige Überreste, nur das Blut. Aber das reichte auch schon, dass ich mich zweimal übergeben musste.

 

Nicholas wird der Nächste sein. Er redet nur noch von einer Stimme und einigen düsteren Drohungen, die ich hier gar nicht mehr auflisten will. Er bat mich vor etwa einer halben Stunde, dass wir ihn heute Nacht allein lassen sollen. Nicholas will dem Monster unbewaffnet gegenüber treten und wahrscheinlich gar nicht kämpfen. Alle, die es versucht haben, sind ja inzwischen tot.

Diese Ohnmacht – ich verkrafte sie einfach nicht. Der Dämon nimmt sich einfach, was er will und es gibt nichts, wirklich nichts, das ihn aufhalten könnte.

 

Die gute Nachricht, wenn es eine ist: Wir haben vorhin das Land wieder entdeckt. Eine anscheinend sehr lange Insel aus schwarzen Klippen. Wir werden einen Landeingang suchen und uns umsehen.

24. Mai, Abend
Der Wind heult wieder so furchtbar. Das hat er in den letzten Tagen auch getan. Wäre Guy noch am Leben, würde er sagen, dass das der Klagegesang der Toten ist.

Wir wissen jetzt etwas mehr: Vor wenigen Stunden konnten wir einen Eingang ins Inland finden. Die Maschinen zu stoppen war schwieriger, als ich dachte, aber es gelang uns trotzdem sehr schnell. Mit unserem letzten Beiboot (das andere haben ja Robert und Jacques gestohlen) übersetzten Nicholas und ich zum Strand. Schon dort war es ziemlich unheimlich: Tausende und Abertausende von Fischgräten begrüßten uns, so als bestünde das Ufer aus nichts anderem. Ich entdeckte sogar die Panzer von mehreren Schildkröten und Vogelskelette. Ein Ort des Todes, nannte es Nicholas sehr treffend. Er sollte so verflucht recht behalten.

Vom Landeingang aus gab es einen Weg oder besser, eine Art Flussbett, in dem nichts wuchs und dem wir leicht folgen konnten. Die Insel selbst ist von Gewächs überzogen, das ich aber eher aus Niederländisch-Indien, als aus Südafrika kenne: Hohe Palmen, Sträucher mit riesigen Blättern und mannshohes Gras. Es war unheimlich still. Im indischen, genauso wie im afrikanischen Urwald ist es laut. Da schreien die Affen und brüllen die Tiger, aber hier gab es bis auf dieses gruselige Heulen im Wind keinen einzigen Ton. Wahrscheinlich sind alle Tiere längst gefressen worden.

Wir fanden seine Spuren. Zuerst zwei Haifischskelette am Wegrand, überall Fischgräten und einen Fetzen, der wohl einmal ein Lederhandschuh gewesen sein musste. Etwas tiefer im Landesinneren entdeckten wir dann eine Höhle. Hineingegangen sind wir nicht. Davor lagen Hunderte Knochen von mindestens drei Dutzend Menschen. Viele davon waren alt und verwittert, manche frisch und voller Blut. In den Rändern der Höhle steckten menschliche Kiefer, in einer Nische sammelten sich genauso viele menschliche Schädel, die uns wie der Sensenmann angrinsten. Nicholas deutete auf einen Augapfel, der noch in einem der Totenköpfe hing. Jacques. Das war Jacques. Oder was von seinem Gesicht noch übrig geblieben war. Wir mussten uns beide übergeben.

Das war der Schlund der Hölle.

Wenigstens wissen wir jetzt, wo er unsere Kameraden hingebracht hat. Hinter einem Strauch lag die silberne Gürtelschnalle meines Ersten Maats, blutverschmiert und mit nur noch einem Fetzen vom Gürtel daran. Vor dem Eingang fanden wir einen von Jacques’ Stiefeln (wir erkannten ihn an der Schlaufe) und da waren noch viel mehr Dinge: Ein zerrissenes Kopftuch, ein kaputter Kompass, diverser Plunder und eine alte Pulverpistole aus der Hansezeit, um nur ein paar aufzuzählen. Wie lange frisst er schon Matrosen? Seit hundert Jahren? Zweihundert? Oder hat er sogar schon die alten Griechen von ihren Galeeren geholt? Ich will es gar nicht wissen!

Als es plötzlich aus der Höhle heulte, wie aus Tausend gequälten Kehlen gleichzeitig, rannten wir zurück zum Boot und ruderten wie verrückt zum Schiff. Die Maschinen konnten wir sogar zu zweit wieder in Gang setzen und das Schiff in Bewegung bringen. Also Nicholas und ich. Wo Nene ist, weiß ich nicht – ich habe ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Vorerst und eigentlich nur als Ausrede für mich selbst, habe ich Kurs auf den Ort gesetzt, von dem ich glaube, dass er unser Eintrittspunkt auf den Teller war, also wo uns die ersten schweren Stürme heimsuchten, auch wenn wir ihn niemals erreichen können.

Ich habe furchtbare Angst. Ich zittere. Ich bin auf einem Ohr taub und kann keinen Bissen mehr essen.

 

Es ist jetzt bald soweit.

Nicholas ist gerade an Deck gegangen und hat sich bis zum letzten Socken ausgezogen. Er will ihn nackt erwarten und ich werde ihn seinem Wunsch gemäß alleine lassen. Er hätte eigentlich gleich bei der Höhle bleiben können, bemerkte er als wohl eine Art schauriger Galgenhumor.

Oder es über das Land versuchen, wie mir gerade einfällt. Der Teufel ist träge und langsam. Nicholas hätte laufen können, zwei bis drei Tage lang, bis ihm die Kräfte oder die Landmasse ausgehen. Damit hätte er uns vielleicht Zeit erkauft.

Jetzt höre ich ihn schreien.

Er singt. Ein Todeslied.

***

25. Mai

Heute ist der letzte Tag meines Lebens.

In der Nacht hat er mir zugeflüstert.

Heute wird er mich holen. Ich war ein schwerer Gegner, also wird er meinem Schmerz keine Grenzen setzen. In seiner Gnade erlaubt er mir, zu schreien, soviel ich nur will. Bis zum Sonnenaufgang wird er mit mir tanzen, wie eine berauschte Dirne der Knochen.

Endlich hat er mit mir gesprochen. Er ist alt, sagte er. Viel älter als die erste Stadt und war früher mal das Auge einer noch älteren Kreatur gewesen, bis er ausgerissen wurde. Jetzt ist er frei, frei der Pflicht, frei von jedem Skrupel. Er spricht so schön.

 

Unser Schiff ist leer geworden. Habe Nene heute nach mehreren Stunden des Suchens gefunden: Er saß im Funkerraum, direkt unter dem Loch und hat vor sich hin gesummt. Wollte nicht reden, also habe ich ihn mit den Fäusten dazu gezwungen. Angeblich hat er ihn schon flüstern gehört, als wir gerade erst auf seinen Tisch gekommen sind. Er liebt es, wenn Menschen singen und lässt ihn leben, solange er nur jede Nacht für ihn singt.

Soll will Nene die nächsten Jahre durchhalten, sich von Fischfang und Morgentau ernähren, bis er eines Tages nicht mehr kann. Dann wird er auch ihn nehmen, wie eine stürmische Geliebte, alles Fleisch von den Knochen lecken und seine wunderbare Lunge erst ganz zuletzt genießen, als Höhepunkt dieses Banketts.

Ich fragte Nene, warum er uns das nicht erzählt hat. Warum hast du nichts gesagt? Er zögerte, ich wurde laut und schließlich antwortete er, dass er genauso wie Pipin wäre und uns für jeden Tag einfach eintauschte. Das war Teil des Handels: Er durfte uns kein Wort sagen, sollte jede Nacht singen und würde dafür am Leben bleiben. Dann hat er gelacht. Dieser miese Scheißkerl hat gelacht! Mit Tränen in den Augen!

Das war mir zuviel. Ich holte eine Schaufel aus dem Köhlerraum und schlug ihn tot. War leichter als ich dachte. War schöner als ich dachte. Danach legte ich seine Leiche in den letzten aktiven Ofen. Dort unten stinkt es jetzt zwar so bestialisch, dass kein Mann mehr die Kammer betreten könnte, aber das Monster wird keinen Gesang mehr bekommen und auch seine Lunge nicht. Einen Haufen Asche wird es nicht wiedererwecken können.

Ich bin dann weinend und lachend über das Schiff spaziert und habe alle Quartiere noch einmal überprüft. Viel Unordnung. Habe drei weitere Abschiedsbriefe gefunden: Robert hat nur wilde Versen hinterlassen, nichts, was ich deuten kann; Pipin hörte ihn anscheinend schon seit einer Woche flüstern (wieso ich erst gestern Nacht?), flehte ihn regelmäßig an und bot ihm wohl alles Mögliche im Tausch für sein Leben, sogar dass er Jakob an Deck lockt oder ins Wasser wirft.

Den dritten Abschiedsbrief kann ich nicht entziffern. Ich habe ihn im Gruppenraum gefunden und weiß nicht mal, von wem er geschrieben wurde, nur dass das Buchstaben und Zeilen sein sollen. Das Chaos in Jakobs Zimmer ist immer noch das alte. Keiner hat für ihn aufgeräumt. Ich werde es auch nicht mehr tun.

 

Heute Nacht wird die Besatzung der Ari Martás 2 endgültig ausgelöscht. Er hat uns alle nacheinander gefressen. Ich pfeife seit einer Stunde Le navire merveilleux. Ich glaube, ich verliere den Verstand.

25. Mai, Abend
Meine letzten Stunden will ich dazu nutzen, alles aufzuschreiben, das ich über den Teufel herausgefunden habe. Das Schiff kann ich kaum noch steuern. Allein um die Geschwindigkeit zu regulieren fehlen mir die Leute. Es ist furchtbar, so allein zu sein. Außerdem stinkt es überall nach verbranntem Fleisch. Nach lecker Nene. Hoffentlich riecht er das, bevor er heute Nacht auftaucht!

 

Zuerst holte er sich Jakob, griff ihn einfach von der Reling, danach den Ersten Maat, Paul und Robert, der mit dem Rettungsboot fliehen wollte. Jacques war der nächste, aber er ist davor ertrunken. Danach nahm er den Neuen aus dem Funkerraum, einen Tag später zerkaute er Adolphe vor uns allen. Guy, Pipin und Nicholas waren die nächsten und heute bin ich als Letzter an der Reihe. Wie viele Matrosen er mit Hilfe von anderen geholt hat, ist mir unklar und auch, ob er Nene aus der Asche wiederauferstehen lassen kann und weitersingen lässt. Es ist mir gleich.

Wo wir sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht in einer Welt zwischen Hölle und Erden, seinem Tisch, wie Jakob es wohl meinte. Der Rand dieser kleinen Welt ist jedenfalls eine schwarze Nebelwand. Zumindest glaube ich das. Wissen tue ich es nicht. Eigentlich weiß ich überhaupt gar nichts. Die beiden Schiffe, diese alte Danton und den britischen Eildampfer wurden genau wie wir zu seinen Opfern.

Der Eildampfer wurde vermutlich gefressen, bevor er überhaupt das Land erreichte. Ein oder alle Besatzungsmitglieder versteckten sich anscheinend in der Aufbaute, weshalb ihm das Dach fehlte. Die Besatzung der Danton mit ihren vielen Matrosen und vielen Tagen Zeit kam sicher weiter: Sie stieß mit Sicherheit auf die Nebelwand und fanden vielleicht auch die Insel und seine Höhle. Und dann versuchte sie wie wir den Ausgang anzusteuern. Das würde zumindest erklären, warum ihr Bug in die andere Richtung gerichtet gewesen ist.

Wie es für sie weiterging, kann ich nicht sagen. Vielleicht gibt es den Eingang nicht mehr, sobald ihn ein neues Schiff passiert hat. Vielleicht wurde der allerletzte Mann gefressen, bevor sie dort ankamen, so wie es hier der Fall sein wird. Ich weiß noch nicht einmal, ob das wirklich Geisterschiffe gewesen sind oder wie man diesen Vorhof der Hölle wirklich betritt. Aber wenn ich die Augen schließe, sehe ich die letzten Tage der Danton vor mir. Wie die letzten Matrosen durch die Korridore flohen und ihnen das Monster unermüdlich folgte, bis sie von Bord sprangen oder in einer Sackgasse ankamen. Ein Mann wirft sich in die Wellen, die grüne Lichtkugel folgt ihm. Er schwimmt und schwimmt, aber sie holt ihn trotzdem ein, packt ihn und zieht ihn immer tiefer ins Wasser. Ein anderer verschließt den Schott und hofft, dass sie nicht nachkommt. Aber sie schmilzt sich einfach durchs Metall. Ihre Arme greifen nach dem kreischenden Mann. Danach frisst und zerreißt sie, bis nur noch ein blutverschmierter Kiefer an ihrem Höhleneingang bleibt.

Wie wird mein Ende aussehen? Werde ich mich mutig auf den Bug stellen und ihn empfangen? Oder laufe ich panisch durch das Unterdeck? Vielleicht lasse ich mich im Kreis jagen, immer die Reling entlang, bis mir die Puste ausgeht. Oder ich betrinke mich bis ich umfalle.

25. Mai, Nacht
Ich kann ihn fühlen. Er ist wütend. Er kommt jetzt.
Das Wasser leuchtet grün.
Ich sehe ihn durchs Fen

***

August

Habe Tinte gefunden. Kann wieder schreiben.

Meine Versuche, einen Kalender zu führen, sind misslungen. Es muss wohl Anfang August oder Ende Juli sein. Bin mir nicht sicher. Striche mit Kreide auf dunklem Stein sind einfach nicht verlässlich.

***

September
Das Schiff ist vor einem Monat an den Nordstrand geschwemmt worden. Alles ist genau so, wie ich es in Erinnerung hatte: Das Chaos in Jakobs Zimmer, das Loch im alten Funkerraum und sogar die schwarzen Fußspuren von Nene. Das verbrannte Fett an meiner Türklinke. Seine Zähne haben sich im Wellengang durch das Schiff verteilt, ein paar sind sogar zurück in den Kesselraum gerollt. Schaufeln sind besser als Bajonette, wie Onkel Marcus immer sagte. Er hat Recht behalten.

Alle Rationen sind verdorben, aber die Decken und die Kohle werden mich noch lange wärmen. Ich könnte sogar im Schiff schlafen, in meinem Quartier, wenn Nene nicht wäre.

***

November
Jeden Morgen kehrt er zurück. Manchmal bringt er Fisch, meistens aber nichts. Dann muss ich singen. Manchmal nur zehn Minuten, manchmal eine Stunde oder sogar den ganzen Vormittag. Ein paar schlechte Matrosenlieder, Le Navire Merveilleux, Les Dix Navires Charges de Ble, Valparaiso, das liebt er besonders, ein Trinklied, Lieder aus der Schule. Das ist alles, was ich kenne, wenn ich es überhaupt schaffe, die Stimme zu halten. Aber es genügt ihm wohl.

***

Dezember
Jeden Vormittag nach dem Singen gehe ich fischen. Ich sitze mit einer primitiven Angel auf einem Strand, der nur aus Fischgräten zu bestehen scheint und hoffe, dass irgendetwas anbeißt. Ist es Fleisch, wird es gegessen. Meist roh. Reicht aber nicht.

Ich habe Hunger und merke jeden Tag, wie ich schwächer werde. Irgendwann werde ich zu schwach sein. Dann ist es vorbei. Er wird mich zu seiner Mahlzeit machen und sich Neue holen. So hat er es schon getan, als Adams Nachkommen hohle Baumstämme ins Wasser geschoben haben und so wird er es wohl immer tun, bis sie ihn zu sich zurückholen.

Jeden Tag stelle ich mir die gleichen Fragen.

Heute Abend geht er wieder. Wieder frisst er Fisch und ich kann ein wenig schlafen. Am Morgen muss ich wieder singen.

Diesmal wird es das Lied der Zehn kleinen Negerlein sein. Es fiel mir gestern wieder ein. Das kennt er noch nicht. Wenn ich ihm ein Lied singe, das er nicht kennt, bringt er immer etwas Fisch mit.

Ja, das Lied der Zehn kleinen Negerlein.

Wie sie einer nach dem andern sterben.

 

— Maex, 2007

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