Die Fliegen, wie Fliegen

Maximilian Wust - Die Fliegen, wie Fliegen

Die Fliegen, wie Fliegen
Ein Horror-Drama von Maximilian Wust
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Vorwort: Das kennt vermutlich jeder Schreiberling: Man verfasst eine Geschichte, die auf eine gewisse Art sogar funktioniert, aber am Ende wird man das Gefühl nicht los, dieses Mal nichts Gutes produziert zu haben. Seltsamerweise kann man aber noch nicht einmal genau sagen, was daran schlecht ist (in diesem Fall war es mangelnde Aussage). Warum ist dann diese Geschichte trotzdem hier? Nun ja, ich will das volle Spektrum meiner Kreativität zeigen – auch Geschichten, die aus meiner Sicht nicht funktionierten.

   Und keine Sorge, die richtig miesen Storys bleiben tief auf meiner Festplatte verborgen, wo sie dann irgendein Großneffe (denn für Kinder bin ich offensichtlich ungeeignet) nach meinem Ableben wieder ausgräbt, weil er wissen will, was der schräge Onkel Mäx noch so alles schrieb! Auf geht’s, Sohn oder Enkel meiner Schwester, such’ in den Untiefen meines Speicherplatzes nach den Abgründen, aus denen du nicht mehr zurückkehren kannst!


 

MÄNNER IM LICHT.

Das war es, woran sich Sennahoj erinnerte.

Als er vom Rand der Grube abrutschte, mitsamt seiner beiden Kameraden und sie in die bodenlose Finsternis hinabstürzten, da verlangsamte sich zuerst der Augenblick, eine Sekunde verging in zwanzig und er erlebte diesen legendären Flashback, den man kurz vor dem Tod bekommen soll. Dieser überflutete gnadenlos seine Sinne und ließ ihm gar keine Wahl, außer sich zu erinnern.

Jedoch nicht Znerol und wie sie sich in dieser Scheune regelrecht ins Heu gegraben hatten und auch nicht an Ennovy, wie sie ihn liebevoll anlächelte, später mit Tränen in den Augen vor ihm kniete und zum Schluss versteinert hinter der Fensterscheibe stand. Nicht an Nomis, seinem Vielleicht-Bruder und wie sie die stillgelegten Geschütztürme zu ihren Spielplätzen machten oder wie sie sich um einen Schädel prügelten, den sie einmal bei der Verwertungsanlage fanden, nur, damit er ihnen dann noch vor dem Abendessen von Mama weggenommen wurde. Nicht an seine Kindheit in Fleischkocherstadt. Er erinnerte sich nicht einmal an Ogni und seine Zange, dieses kleine rote Ding, das man einen Seitenschneider nennt und mit dem er den Kröten hinter dem Haus die Beine abtrennte. Drei Jahre lang, bevor er es dem kleinen Sennahoj in die Schuhe schob und es dieser auch noch zugab. Weil er nicht wusste, wie man etwas abstreitet.

Stattdessen erinnerte er sich nur an die Baustelle. Er war vielleicht zehn Jahre alt gewesen, da verlegte man in seinem Heimatdorf die ersten Gleise. Als er in dieser Zeit eines Nachts spät nach Hause kam, sah er, wie die Arbeiter immer noch das Fundament für den Bahndamm legten, von einem Flutlicht erleuchtet, das von einer Baggerschaufel herabhing. Ein heller, weißer Kegel in totaler, sternenloser Finsternis. Eine letzte Zuflucht des Lichts in ewiger Dunkelheit.

In der übergewichtige Männer arbeiten, Bier trinken und grölen.

***

Dann schlug Sennahoj auf.

Und doch auch nicht. Sein Fall stoppte mitten in der Luft. Er prallte an ihr ab. Eine unsichtbare Macht riss ihn schmerzhaft auf und ab, wie im Autoscooter auf der Kirmes, wie bei einem Unfall auf der Straße. Hin und her, nach oben und wieder nach unten. Sennahoj wollte mit den Armen rudern, aber konnte doch nur schreien, während das Gleiche mit seinen Kameraden geschah. Das Nichts stoppte ihren Fall und schleuderte sie tanzend und schreiend durch die Luft.

Das Auf-und-ab kam zum Stillstand und sie schwebten scheinbar schwerelos über dem Abgrund. Über ihnen glühten die Ränder der Grube im Mondlicht, unter ihnen schien sich die Erde endlos tief zu öffnen.

Sennahoj versuchte sich zu bewegen, aber schaffte es kaum, seine Hand zu schließen. Es fühlte sich an, als wäre er von unsichtbarem Draht umgeben. Sein Gesicht war nach oben zum Himmel gerichtet, seine rechte Hand klebte an der Brust, die linke weit ausgestreckt in dem Drahtgeflecht und sogar die Beine waren unglücklich fixiert worden. „Ein Spinnennetz“, erkannte er.

„Was haste gesagt?“, rief Xäm. Der grobschlächtige, glatzköpfige Gigant hing kopfüber in den silbernen Fäden. Sein Kanistergewehr, eine rote, unförmige Schrotflinte, schwebte drei Meter tiefer,scheinbar frei in der Luft. Jedoch nur scheinbar.

„Ein Netz“, wiederholte Sennahoj. „Wir sind in einem Netz gelandet!“

„Ach, wirklich?“, fluchte es zu seiner Linken. Leunamme, der schlaue, kleine Dürre, schaltete sich ein. Er hatte sich mit den Füßen voraus ins Netz gebohrt und hing nun wie eine aufrecht stehende Mumie darin. „Das war eine Falle. Deswegen auch dieser süße Geruch und die glitschigen Ränder! Und wir sind direkt drauf reingefallen. Wie Mäuse in eine Mausfalle. Verdammte Scheiße!“

Sennahoj versuchte, wenigstens einen Finger loszureißen. Vergeblich. Die Fäden waren fest wie Draht und drohten sich bei jeder Bewegung in sein Fleisch zu graben. „Das muss das Netz einer Mutter-in-Erwartung sein …“

„Gelbe Scheiße!“, fluchte Xäm. „Ist sie noch hier?“

Sennahoj versuchte noch einmal, sich freizustrampeln, unterließ es aber, als der den verdorrten Fellball zu seiner Linken entdeckte: „Hier hängt ein Waschbär. Der ist vielleicht drei Tage lang tot ist. Grütze, ich kann mich nicht bewegen!“

„Ich auch ned!“

Xäm und Leunamme zogen und zupften, stöhnend und keuchend. Ebenso vergeblich.

„Habt ihr mir nicht zugehört? Sie ist wohl noch hier! Also haltet endlich still!“, schrie Sennahoj.

Seine Freunde befolgten den Befehl. Jede Bewegung im Netz verstummte.

Ihr selbsterklärter Anführer seufzte und dachte nach, laut hörbar für alle: „Eine Mutter-in-Erwartung deckt eine riesige Fläche ab – gut eine Tagesreise, wenn die Aufzeichnungen stimmen. Damit sie erfahren, ob was in ihre Gruben gefallen ist, spannen sie wohl so Art Hauptfäden, die bis ihre Brutkammer reichen. Zuckt einer davon stark und lange genug, sehen sie nach. Zudem können die Netze wohl sogar Bären und Mauler festhalten, für Tage, also ist Strampeln das so ziemlich Dümmste, das wir tun sollten!“

Die drei schwiegen. Nur der Wind von oberhalb der Grube, das sanfte Rieseln, wenn er etwas Sand aufwirbelte und das Keuchen der drei erfüllte die Dunkelheit. Im Augenwinkel erkannte Sennahoj die mumifizierten Überreste eines Schakals. An der Grubenwand hing die ausgetrunkene, ledrige Hülle eines Wasserbüffels.

Leunamme schluchzte. „Das war’s. Wir sind tot.“

„Noch nicht.“

„Wir sind die Fliegen in einem Spinnennetz! Die Fliegen“, stammelte er, „wie Fliegen.“

Sennahoj holte tief Luft und versuchte Leunamme laut aber sanft zu beruhigen: „Zuerst sind wir Fleischsammler mit modernster Überlebensausrüstung, davon abgesehen um Einiges klüger als jede Fliege.“

„Was ändert das? Was sollen wir tun?“

„Kommt einer von euch an sein Messer? Also, ohne wie ein Irrer herumzustrampeln?“

„Einen Scheiß kann ich“, bemerkte Xäm wütend.

„Keine Chance“, stimmte Leunamme mit ein.

„Kommt einer von euch an irgendwas?“, stieß Sennahoj aus.

Da kam Xäm, ausgerechnet dem Xäm, den alle für alles außer klug erklärt hatten, eine Idee: „Unsere Klamotten! Wisst ihr, warum sich Schmetterlinge aus ´nem Spinnennetz befreien können?“

Sennahoj erinnerte sich an den Schulunterricht: „Sie schütteln Schuppen von ihren Flügeln ab und zwar die, die am Netz kleben. Und jetzt gerade hängen nicht wir an den Fäden … sondern nur unsere Kleidung. Also, fast nur! Gut kombiniert, Xäm.“ Ganz so leicht war es trotzdem nicht: Seine beiden Hände klebten fest – die linke frei im Raum, die rechte an der Jackentasche. Darin spürte er allerdings sein Sturmfeuerzeug. Mit nur etwas Geschick und Geduld –

Eine Schockwelle jagte mit solcher Wucht durch die Fäden, dass sie mehrfach im Netz widerhallte. Sie stammte von Leunamme, der gegen sein Gefängnis anstieß. Als es nichts nützte, heulte er auf: „Du hast mich mit runtergezogen!“

Sennahoj seufzte. „Bitte, nicht jetzt!“

„Ihr beide wart das! Ich habe von Anfang gesagt, dass wir nicht zu der Grube hingehen sollen! Seit wann riecht in der Zone irgendwas lecker, wenn nich’ ´ne Falle? Und wenn ihr nicht nach mir gegriffen hättet, als es rutschig wurde, wär‘ ich jetzt noch oben! Scheiße! Ich könnte Hilfe holen. Oder Sprengsätze legen. Oder –“

Xäm brüllte: „Oder um dein Leben rennen und dann deiner fremdfickenden Hure von Frau was vorheulen, von wegen dass deine besten Freunde in der Zone verreckt sind! Das würdest du tun! Das und sonst nix!“

„Ihr habt mich umgebracht!“

„Noch sind wir nicht tot!“, erklärte Sennahoj.

„Werden wir aber sein, wenn dieser Spacken gleich die Panik kriegt!“, erkannte Xäm.

Leunamme hatte von Anfang an keine Chance gehabt. Das war Sennahoj schon vor der Expedition bewusst gewesen. Er brauchte das Geld, das das Fleisch ihm einbringen würde und er war vorsichtig und misstrauisch genug, und sehr klug, klüger als die meisten, aber trotzdem viel zu emotional gewesen, um in hier zu überleben. Im Angesicht des Todes hatte er nämlich Angst; richtige, ehrliche Angst. Das war nur natürlich, aber in der Zone ein absolutes K.O.-Kriterium. Wären sie eine Kaskade geraten, wäre es Leunamme gewesen, der panisch aufspringt und von der glitzernden Wolke zersetzt wird. Wenn ein Kalk-Toter, einer von Gottes Zehennägeln, ihre Fährte aufgenommen hätte, hätte sich Leunamme wahrscheinlich durch eine Panikattacke verraten. Und wenn sie in das Netz einer Mutter-in-Erwartung gerieten, was zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich war, dann …

Es kam genau so, wie Sennahoj es damals vor dem Aufbruch erahnt hatte.

„Ich will nicht sterben!“, kreischte sein dürrer, kleinwüchsiger Gefährte. „Nicht so! Nicht hier! Nicht in diesem Netz!“ Er strampelte und zuckte in den Fäden und verfing sich dabei nur noch mehr, um noch lauter zu schreien und noch heftiger dagegen anzukämpfen.

Xäm brüllte ihn an. „Hör auf!“ Er hatte Mühe, ihn zu überstimmen.

„Hilfe! Hilfe! Irgendwer!“,

„Beruhig dich, du Spinner!“

„Hört uns irgendwer?“

„Halt endlich still!“

„Irgendwer! Bitte!“

Auf einmal zog das Netz an den Männern. Es wurde angespannt und festgezurrt, etwas Schweres belastete das tragkräftige System aus Fäden. Sie drückten sich wie dünne Stahlseile in Sennahojs Fleisch. Alle drei Gefangenen verstummten. Sennahoj glaubte, ein leises, zischendes Atmen zu hören. Die Mutter-in-Erwartung! Sie kam!

Er versuchte in Leunammes Augen zu blicken, diese kleinen, weißen Steine im Mondlicht und erkannte, was er dort nicht hatte sehen wollen: Nackte Angst, die jeden Moment explodieren konnte. Was sie auch sofort tat.

„Nein! Nicht so!“, schrie Leunamme aus voller Kehle. „Nein, nein, nein“, wiederholte er pausenlos und hüpfte nur noch panischer im Netz auf und ab.

Die Mutter reagierte. Ein Wesen, unbeschreiblich grotesk, stieg aus der Tiefe herauf. Schwarze, dünne Spinnenbeine, jedes so lang wie zwei Männer hoch, trugen einen haarigen, riesigen Abdomen und auf diesem saß der unförmige Körper von drei Frauen. Oder noch bizarrer: Als hätte man drei junge Frauen verflüssigt, verschmelzen und anschließend zu einem schwarzen Panzer verhärten lassen. Sennahoj erkannte Brustpaare, Bauchnabel und hübsche, statuenhafte Mädchengesichter, alle aus schwarzem, gewelltem Chitin, die sich zu einem Schlund aus Haaren und Zähnen vereinten. Speichelfäden ronnen aus dem trichterförmigen Maul. Der Körper war mindestens doppelt so groß wie Leunamme, vor den er sich geduldig postierte. Die stelzenartigen Beine hätten ein kleines Zirkuszelt aufspannen können.

„Bitte nicht!“, schrie das drahtige Opfer. „Ich fleh‘ dich an! Nicht! Bitte!“

Als sich das Wesen um ihn legte, seine Beine um den zuckenden Körper schlossen, sah Sennahoj weg. Weil er nicht mehr anders konnte. Die Schreie, diese Essenz absoluter Verzweiflung sollten noch lange in seinem Geist widerhallen. Er fühlte, wie sein Kamerad gegen die Fäden und das Monstrum ankämpfte, dann hörte er ein Schmatzen, das Geräusch von reißendem Fleisch, gefolgt von einem Pflock, den man in feuchte Erde treibt, Flüssigkeit, die großzügig hineingepresst wird und die erschlaffenden Hilferufe seines Gefährten.

„Bitte … bitte … bitte …“, wimmerte Leunamme erstickend, während sich das Gift in ihm ausbreitete. „Bitte … bidde … bihe …“

In den nächsten Stunden oder Tagen würde sein Fleisch schmelzen und sein Äußeres zu Leder werden.

„Bi-he … bü-he … hü-he …“

Wenn er „fertig” war, würde sie ihn wie eine Trinktüte aussagen. Er würde wie der Wasserbüffel enden, als ein ausgetrunkener Beutel am Grubenrand.

„Hü … he …“

Die Mutter-in-Erwartung verweilte noch etwas bei ihm, rollte ihn mumiengleich in ein Leichentuch aus Spinnenfäden und kletterte danach wieder in die Tiefe hinab. Jedoch nicht sehr weit. Sennahoj spürte weiterhin ihr Gewicht auf dem Netz, Xäm schien es auch zu bemerken. Sie war noch da. Und wartete.

Die beiden Fleischsammler stellten sich tot. Es wurde still. Wieder war zuerst nur der Wind zu hören. Und leises, regelmäßiges Atmen, von den beiden Überlebenden, der zischende Gesang der Mutter … und ein Seufzen von Leunamme. Er atmete noch. Sein Körper würde das wohl noch für Stunden tun, aber in Wirklichkeit war er schon tot.

***

Sennahoj erinnerte sich.

Vor vielen Jahren, als ihnen gerade die ersten Sackhaare wuchsen, verkrochen sie sich gemeinsam mit Retep in die Altpapiercontainer hinter der Druckerei. Dafür gab es keinen bestimmten Grund. Sie taten es einfach, um dort in Ruhe Pressbier zu trinken, zu rauchen und sich gegenseitig zu erzählen, was sie mit den schönsten Milchmännern der Stadt so alles anstellen würden. Diese Container waren den Jungs einfach nur ein Versteck vor der Welt, den Banden, vor ihren Vielleicht-Vätern oder den Stopfern aus den besseren Vierteln.

Bis es eines Tages klickte. Sie schwangen sich hinein, jeder die Taschen voller gestohlener Emmerbrause, schlossen ganz routiniert den Deckel, da knirschte es plötzlich eigenartig aus den Scharnieren und die Verriegelung rastete ein, zum ersten Mal. Davor wussten sie nicht einmal, dass so etwas möglich war. Sie saßen fest. Und da niemand ihre Hilferufe hörte – sie wurden einfach von den Maschinen in der Druckerei verschluckt – taten sie das für eine gute Stunde, bis Leunamme schließlich damit begann, bitterlich zu weinen. Sie machen uns zu Papier, verkündete er unter Tränen und als er nicht aufhören wollte, fing er sich eine von Xäm.

Es war genau wie jetzt, ob zwischen dem Altpapier oder in den Fäden, nur dass ihnen damals natürlich nichts geschah. Wenn überhaupt, dann kam Retep dem Papierwerden am nächsten, als ihn Männer mit viel Geld und wenig Geduld in eine Zerkleinerungsanlage für Kartons warfen. Was er ebenfalls überlebte. Ein Sicherheitsmechanismus rettete damals sein Leben. Die Zone zeigte sich jedoch noch im selben Monat weniger gnadenvoll.

***

Jetzt, im Netz, vergingen die Stunden.

Dass Sennahoj in einer unangenehm verwinkelten Lage zwischen den Fäden hing, störte ihn bald nicht mehr. Genauso wenig, dass sich einer seiner besten Freunde zu seiner Linken verflüssigte. Es fühlte sich sogar seltsam angenehm an, nicht tot zu sein. So müssen Hasen denken, wenn sie sehen, dass ein Artgenosse gefressen wird: Besser ich als er, überlegte Sennahoj.

Stundenlang starrte er so nach oben, in den Nachthimmel und sah die Sterne am Kraterschlund vorbeiziehen. Einer seiner Vielleicht-Väter hatte ihm einmal erzählt, dass früher die Menschen zu ihnen hinauf gereist wären. Auf großen, feuerspeienden Säulen ritten sie zu den Sonnen hinter dem Himmel und irgendwo tief zwischen ihnen, wo es angeblich so hell war, dass es nie Nacht wurde, hatten sie dann die Götter gefunden, oder wenigstens einen, der mit ihnen hierher kam und starb. Das konnte sich Sennahoj bis jetzt nicht vorstellen: Ein Gott, also ein Wesen, das Welten erschaffen und zerstört hatte, folgte den alten Raumfahrern, aber nicht, um sie zu leiten, zu lenken oder zu unterwerfen, sondern um einen Ort zu finden, an dem er sich zur letzten Ruhe betten konnte und seine Leiche verwesen durfte. Ein riesiges Etwas, einem Dutzend Großstädte gleich, das man wie Mikroorganismen es mit einer Leiche tun, zersetzen und plündern konnte. Und das tat man.

Ein Kilogramm seiner kristallartigen Nervenenden und man war reich. Wer schon einmal ein Auto mit bloßer Körperkraft anheben wollte, brauchte sich nur ein paar Sehnen Muskelfleisch einzupflanzen. Dreißig Kilo Knochenmark, korrekt verteilt, und man lebte zudem doppelt so lang. Seine Körperflüssigkeiten hingegen, die Seen, die aus seinen Poren flossen …

Pflanzen mutierten tumorartig, Tiere wurden zu Ungeheuern, Ungeheuer zu –

Menschen zu –

***

   „Die Spinne?“, fragte Xäm, kaum hörbar leise. Wahrscheinlich nicht zum ersten Mal.

„Sie ist noch da“, gab Sennahoj zurück.

„Kann se uns überhaupt noch hör’n?“

„Ich hoffe nicht.“

Xäm wurde etwas lauter: „Diese Viecher krie‘ng doch nur Vibrationen mit. Wie halt normale Spinnen. Und was wir reden unterscheidet sich doch, jetzt rein vibrationstechnisch, nich‘ wirklich vom Wind oder so. Oder hat irgendwer schon mal mit so ´ner Mutter gequatscht?“

„Angeblich weiß man nicht mal, ob es überhaupt mehrere gibt.“

„Oh.“

Sie verfielen wieder zurück ins Schweigen.

Der Wind begann, zu heulen. Das Netz blieb belastet. Erst jetzt fiel Sennahoj auf, dass Leunamme nicht mehr atmete. Seine seltsam aufgedunsene, blasse Leiche schwebte links von ihm über dem Kraterschlund, umgeben von Spinnweben, die wie die Zipfel eines Bettlakengespenstes wirkten. Ein fetter, feuchtglänzender Geist – so hatte sich Sennahoj immer eine Lemure vorgestellt.

Xäm flüsterte wieder: „Sollen wa auf Hilfe warten?“

„Wir werden verdurstet sein, bevor hier andere Fleischsammler vorbeikommen.“

„Dann sin‘ wir kerb wie tot, Mann. Ey, selbst wenn ich jetzt alles auszieh‘, was ich anhab‘ – dann komm ich vielleicht zur Wand. Vielleicht! Und dann noch raufklettern? Ich! Xäm, die Haustür! Ja klar! Eher fall’ ich zurück ins Netz und ruf das Spinnenvieh wieder her.“

„Spätestens bei der Böschung hättest du ein Problem.“

Xäm nickte – vermutlich, denn Sennahoj hätte sein Gesicht nur mit viel Kraftaufwand sehen können. „Ja, schon. Als hätt‘ man Vaseline drüber geschmiert“, stimmte er zu. “Wir müssen aber was tun. Glaubst du, mein Gewehr könnt’ se wegfetzen?“

Sennahoj erkannte die riesige, rotlackierte Waffe im Augenwinkel. „Zweiundzwanzig panzerbrechende Metallspitzen“, überlegte er. „Dein Flechettegewehr ist eine Elefantenbüchse, die nochmal zweiundzwanzig Elefantenbüchsen rausbläst. Würde mich wundern, wenn die Mutter auch nur einen Treffer überlebt. Aber du kommst sicher nicht an es ran.“

„Vielleicht wenn ich einen Striptease hinleg’. Dann häng’ ich vielleicht mit Shirt und Shorts bei meiner Knarre.“

„Oder du fällst in die Tiefe.“

Xäm wagte nicht einmal, es zu versuchen.

Sein Begleiter war dagegen nicht untätig. Langsam, mechanisch langsam und mit gewaltiger Mühe arbeitete er sich zu seiner Brusttasche vor. Seine von der Spinnenseide strapazierten Finger ertasteten die Knopfschlaufe, die es noch zu lösen galt, bevor er an den Inhalt kam.

„Xäm“, verkündete Sennahoj etwas kraftvoller, fast schon in Zimmerlautstärke. „Du hast Recht: Nur zu warten, hat keinen Sinn. Selbst wenn uns die Mutter-in-Erwartung nicht bemerkt, werden wir hier elend verrecken. Dass wir uns auf dem Weg dahin einpissen und vollscheißen werden, lass‘ ich mal außen vor. Wenn es aber für dich in Ordnung wäre, können wir auf Risiko spielen: Ich hab‘ noch mein Feuerzeug und auch gleich in der Hand, dann könnte ich das Netz anzünden. Es würde brennen, also mit ziemlicher Sicherheit. Vielleicht verbrennen wir gleich mit dazu, aber vielleicht ergibt sich auch was. Ich sehe da unten ein paar Tunneleingänge, in denen keine Netze sind. Vielleicht führt einer davon –“

„Scheiß drauf! Mach’ es einfach! Lass den Würfel rollen!“

Sennahojs Finger drückten den Knopf durch die Schlaufe, fuhren in die Jackentasche und stießen gegen das harte, stromlinienförmige Gehäuse des Sturmfeuerzeugs. Aber noch bevor er es herausziehen konnte, wurde er von Worten durchdrungen.

Wir können euch hören und wir verstehen euch sehr wohl“, sprach eine Stimme aus kaltem Glas. Sie hallte nicht durch die Grube, sondern schoss als Vibration die Fäden entlang, drang klingengleich bis ins Knochenmark der Gefangenen und von dort schmerzhaft in die Trommelfelle. Als würden ihre Glieder sprechen.

Xäm gab einen eigenartigen Schrei von sich; einen urtümlichen, säuglingsgleichen Laut. „Wer is‘ wir?“, kreischte er. „Wer bis‘ du?“

Meine ungeborenen Kinder und ich. Tausende warten in meinem Leib, um befruchtet zu werden und wenn mein Gatte erscheint, werden wir uns lieben, Wochen und Jahre und unsere Kinder werden die Städte fressen und die Wälder mit Seide bedecken, bis ich selbst den Schwarzen Erlöser gebäre und wir ihn mit unserem Fleisch nähren dürfen.

Sennahoj zitterte unkontrolliert. Dieser Horror.

Er musste sich sammeln. Die Mutter konnte also reden. Davon hatte er gehört. Auch von dem, was sich erzählte: Viele Fleischsammler glaubten, dass es nur eine einzige Mutter-in-Erwartung gab – ein Mädchen, das mit einer Spinne im Rucksack in die Gallenblase des toten Gottes gestürzt war oder eine Spinne, die Menschenblut getrunken und dann etwas göttliches Rückenmark gekostet hatte – und, dass diese für immer auf ihre Begattung durch ein Männchen wartete, das nie erscheinen würde.

Was auch keine Rolle spielte. Diese Kreatur hatte ein Bewusstsein. Und vermutlich verstand sie auch, was ein Feuerzeug ist.

„Warte“, stieß Xäm verzweifelt hervor. „Du kannst sprechen? Wie wär’s dann mit einem Deal? Wir bringen dir Fleisch! Geh auf Nummer sicher: Du behältst einen von uns hier, kann gerne ich sein und der andere, muss dir unser Gewicht doppelt in Tieren bringen.“

Wir lehnen ab.

„Aber das lohnt sich nich’! Zwei Menschen sind doch kaum Futter. Schon ein abgemagerter Wasserbüffel –“

Immerzu verhandelt die Beute, verhandelt und beschwichtigt. Wir haben ihr niemals nachgegeben und wir werden es auch niemals tun. Die Ungeborenen werden euer Leben trinken und ich werde euer Leid genießen.

Sennahoj wollte etwas sagen, ließ es aber dann sein. Andere, deutlich intelligentere und listigere Menschen hatten sich schon vermutlich herausreden wollen und waren gescheitert. Hier konnte er nicht gewinnen.

Was Xäm nicht daran hinderte, es trotzdem zu versuchen: „Wir beide sind was, so hundertneunzig Kilo Fleisch? Wenn überhaupt! Wenn wir dir nur zwohundert bringen, hat es sich schon gelohnt! Was hast du denn schon –“

Die Beute schweigt! Die Beute hat uns nichts zu bieten und nichts zu sagen! Doch sie kann spielen. Um Zeit. Zeit, die das Herz noch schlägt. Sie darf uns sagen, warum es der andere wert ist, genossen zu werden! Sagt sie mir, warum er es verdient hat und wir lassen den Sieger am Leben, für eine Zeit.

„Das is‘ doch ´n Witz!“

Der Verhandler-Beschwichtiger spricht zuerst! Er sagt mir, warum der Besserwisser-Feuermacher sterben muss!

„Das is’ ein scheiß W–“, wollte Xäm noch insistieren, dann besann er sich eines Besseren: „Okay, schon kapiert! Weißt du was? Sennah hat ein Riesenproblem. Und riesig trifft’s ganz gut, ich mein‘ nämlich seinen Schwanz! Den musst du dir echt in deine scheiß Fresse schieben! Fünfzig Zentimeter Melkfleisch, wenn’s reicht. Mädel, wenn er abspritzt, füllt er locker ´nen Kübel! Und er wird dir auch nicht viel mehr zu sagen haben! Bei deinem Drecksspiel machen wir nämlich nicht mit!“

Für jede Runde, die die Beute nicht spielt, werden wir ihr ein Haar schenken. Ein lebendes Haar von unserem Rücken, das in der Wunde zuckt und gräbt und Schmerzen bereitet, nicht aber tötet. Es quält die Beute, bis es verstummt und sie wird dann alles tun, um nicht noch eines geschenkt zu bekommen.

Xäm zögerte. Der grobe, große, gewalttätige Kerl hatte viele Fehler, aber mangelnde Loyalität war nie einer davon gewesen. Sie hatten ihm einmal sogar die Finger gebrochen, an beiden Händen, weil er Sennahoj nicht verraten wollte. Das hatte ihm den Job im Stahlwerk gekostet und am Ende in diese Grube geführt. „Alles klar. Dann komm her, du neunbeinige Hure!“, fauchte er in die Tiefe. „Dann fick’ ich dich so hart, dass es dir die Eingeweide zu den Augen ´rauspresst!“

Treue erkauft hier kein Leben, soll der Verhandler-Beschwichtiger wissen! Er hat seine erste Chance vertan. Der Besserwisser-Feuermacher ist nun an der Reihe. Er, der Listige-Arglistige, soll uns sagen, warum sollte sein Gefährte sterben? Warum ist er weniger den Atem wert?

Sennahoj presste die Lippen zusammen. Leunamme hatte noch Glück gehabt, wurde ihm vernichtend bewusst. Dabei warf er dem immer noch tropfenden, aufgedunsenen Hautbeutel, der einmal sein Begleiter gewesen war, einen mitleidigen, wenn nicht neidigen Blick zu. So schnell und so leicht würden es Xäm und Sennahoj nicht haben. Die Mutter-in-Erwartung wollte sie leiden sehen und wer auch immer ihr Spiel verlor, würde mit Sicherheit aus dem Leben gefoltert werden.

Mit diesen Gedanken sah er bereits alles voraus, was noch bevorstand: Sie würden sich weigern, vielleicht, bis ihnen diese Kreatur ein paar Brennhaare ins Fleisch setzte – oder was auch immer sie damit gemeint hatte. Irgendwann würde einer doch damit anfangen, den anderen zu demontieren, wobei sich Sennahoj deutlich mehr in dieser Rolle sah, als Xäm, und der andere sollte folgen. Danach würde es schmutzig werden. Sie wussten mehr als genug über ihren Gefährten und wenn das nicht reichte, würden sie lügen. Die Mutter-in-Erwartung konnte es ja nicht nachprüfen. Zum Schluss wären sie wahrscheinlich beide vergewaltigende, menschenhandelnde Raubmörder und die Mutter würde einfach per Zufall entscheiden, wer als Erster starb. Vielleicht wählte sie den Gewinner, überlegte Sennahoj, um noch mit einer letzten Überraschung aufzuwarten. Aber eine Rolle spielte das keine.

Also sprang er gleich zum Ende des Ganzen.

„Du willst etwas Schlechtes über Xäm wissen?“, fragte Sennahoj schließlich, ohne eine Antwort abzuwarten. Gleichzeitig kämpfte er gegen die Fäden an, um sich zu der Mutter-in-Erwartung umzudrehen. „Weißt du, bei uns Zuhause, in den Wellblechhütten, die eine Fleischzieherei umgeben, gab’s so einen Spruch: Wer in die Zone geht, hat’s meistens auch verdient, drin zu verrecken. Gilt für mich, gilt für Xäm.“

Sennahoj kämpfte weiter. Jede seiner Bewegungen musste taktisch überlegt sein, damit er sich nicht noch mehr in den Fäden verfing. „Willst du wissen, warum es ihn hierher verschlagen hat? Mein Begleiter hat nämlich ein echtes Problem mit der Stopferei. Weißt du, was das ist? Wenn man sich Fleisch oder Organe von dem toten Gott in den Körper pflanzen lässt, dann nennt man das bei uns Stopfen. Sich kleistern, eingöttern, einkerlen, auffleischen – jede Stadt hat da ein eigenes Wort dafür. Deswegen ist er auch so eine Breitbrust. Zuhause nannten wir ihn die Haustür. Aber ich kann ihn verstehen: Hat man sich einmal aufgefleischt, wird man süchtig. Ist wie eine Tätowierung, nur viel krasser. Egal was du davor gewesen bist, auf einmal ist man der Wichser mit dem meisten Bums im Arm.“

„Du mieses Arschloch“, grollte Xäm mit tiefer Stimme. Sennahoj konnte nicht sagen, ob sein Gefährte das ernst meinte oder ob er den Wink verstand, denn er war mit Sicherheit kein Stopfer. Dazu fehlten ihm gute fünfzig Kilo Muskelmasse.

Er erzählte weiter: „Das Problem war halt: Einfach nur Götterfleisch kann man sich nicht zwischen die Sehnen setzen lassen – da eiterst du dich tot. Also braucht man Hybridfleisch und das ist nicht nur teuer und selten – weil es in Sklaven gezüchtet werden muss –, sondern meist auch sofort ausverkauft. Was also macht Xäm? Er bricht bei einem Carnomanten ein – also, nicht nur einem, sondern dem Carnomanten unserer Stadt –, erschießt drei Leibwächter, klaut das Hybridfleisch und wird zur Zielscheibe der Fleischzieher. Was ungefähr Regierungsbehörde und Bande in einem ist. Die schnappen ihn natürlich, foltern ihn tagelang durch, kriegen dabei aber auch raus, dass er schon zweimal in der Zone gewesen ist und lassen ihm die Wahl: Stirb oder – hol dir dein Gewehr! Jetzt!“, brüllte Sennahoj und rollte das Rädchen aus Feuerstein.

Das Gestrampel und die Lügen waren nur eine Ablenkung gewesen, damit er sein Sturmfeuerzeug aus der Brusttasche holen und weit genug von sich wegstrecken konnte.

Die Fäden fingen sofort Feuer. Sie brannten nicht, aber eine glühende Spur arbeitete sich rasend schnell an ihnen entlang und erfüllte die gesamte Grube mit einem Sternenhimmel aus Glut und Qualm. Für einen Moment war es, als wären Sennahoj und Xäm wie diese alten Götter, die zwischen den Sternen schweben. Dann fing Leunammes Leichnam Feuer. Kleine Lichter tanzten über seine Jacke und seine Haare lösten sich zischend auf. Im gleichen Augenblick lockerte sich die Umklammerung durch die Fäden. Sie rissen, Knoten zerplatzten zu Funken.

Nestzerstörer“, fauchte die Mutter-in-Erwartung dumpf. „Kindermörder!“ Sie wollte wohl nach oben steigen, wurde aber vom Feuer abgeschreckt.

Mehr Fäden rissen oder zerplatzten. An Knotenpunkten bildeten sich kleine Feuerbälle.

Dann ließ das Netz nach. Sennahoj fiel, nur für einen Wimpernschlag, bis ihn die verbliebenen Fäden erfassten und durch Funken und Dunkelheit wirbelten. Er schlug gegen die Felswand, eine Schlinge legte sich um seinen Hals und schien ihn zu erwürgen. Die Spinnweben hatten sich tatsächlich zu einem Seil verdreht, einem Stahlseil, und Leunamme, das erkannte Sennahoj in den herabschwebenden Glutstücken, baumelte unter ihm und drückte ihm die Luft ab. Sein Gewicht presste die Fäden um seine Kehle zusammen. Er bekam keine Luft und erstickte mit offenem Mund! Nur noch Momente, bis –

Sennahoj ruderte mit dem Armen und bemerkte dabei, dass er das konnte. Seine Extremitäten waren beinah frei, aber das Feuerzeug immer noch in seiner Hand. Mit den letzten Kraftreserven, bevor alles ins Schwarz versank, rollte er noch einmal am Zündstein, zweimal, dreimal, bis wieder ein Flämmchen geboren wurde und hielt es an das obere Ende seines Galgens. Es zischte. Wärme umspielte seinen Hals, gefolgt von Hitze, gefolgt von Feuer. Sennahoj schrie und zappelte, so sehr, dass er sich auch noch die Finger am Feuerzeug verbrannte. Er hätte es fallengelassen, aber die Spinnfäden hatten es wohl in seine Hand geklebt.

Plötzlich schnalzte es. Der Druck um seinen Hals ließ nach, die glühenden Fäden fauchten daran vorbei und schlitzten ihm das Fleisch auf. Danach waren sie fort. Sie fuhren mitsamt Leunammes aufgeblähter Leiche in die Finsternis hinab. Sein Kamerad stob durch die tanzenden Funken hindurch, wie ein Bär durch Schneegestöber und verschwand, laut- und abschiedslos. Sennahoj musste sich an der Felswand festhalten, um ihm nicht zu folgen.

Doch noch bevor er sich besinnen konnte, legte sich ein Schatten über ihn. Dünne, aber kräftige Spinnenbeine schlugen links und rechts in den Fels. Eines durchbohrte seine rechte Schulter und hob ihn mühelos in die Luft. Er schwebte, Und kreischte. Ein weiteres Bein löschte die Flamme an seinem Feuerzeug, dann versuchte es seine Hand zu öffnen und als das nicht gelang, trennte es sie ab. Flink, eine einzige Bewegung genügte und Sennahojs geballte Faust war nicht mehr am Handgelenk.

Sennahoj schrie. Es gab auch nichts mehr, was er sonst noch tun konnte. Die Mutter-in-Erwartung hievte ihn an ihr Bein gespießt durch die Luft. Er flog durch die Grube, um schlagartig zu stoppen und gleich darauf wieder zu fliegen – mit jedem ihrer Schritte, von einer Wand zur nächsten. Er war eine Puppe. Nein schlimmer, ein Stück Fleisch am Haken, nur dass er noch lebte. Der Schmerz fraß sich durch jedes seiner Glieder und er schrie weiter, bis die seine Lunge nachgab. Zwischendrin erkannte er Xäm, der kopfüber an einem glühenden, genauso eingedrehten Fadenseil hing und sein rotes, mächtiges Gewehr von den letzten Spinnweben befreite.

„Puste die Schlampe weg!“, kreischte Sennahoj mit dem letzten bisschen Atem, den seine Kehle hergab.

Es krachte. Wenn ein Kanistergewehr feuert, donnert es nicht, sondern es kracht. Viele kleine Explosionen werfen zweiundzwanzig kleine, allesdurchdringende Metallspitzen gegen das Ziel und zerkleinern seine Eingeweide.

Die Mutter in Erwartung wirbelte herum. „Schlechte Beute!“, fauchte sie. Da krachte es noch einmal.

Flüssigkeit lief an Sennahojs Stirn herab. Sie tränkte seine Jacke und schmeckte bitter. Vielleicht war es sein Blut, vielleicht das der Riesenspinne. Xäm jedenfalls war nicht mehr. Sein Körper umklammerte immer noch verzweifelt das Kanistergewehr, aber sein Kopf und seine Brustplatte schienen ausgerissen worden zu sein. Stattdessen öffnete sich ein tropfendes Loch in seinen Torso und ließ seinen Dünndarm meterweit in die Tiefe hängen. Er starb aber nicht umsonst: Die Mutter-in-Erwartung hatte den Kampf wohl auch nicht überlebt. Ihr aus Frauen geschmolzener Panzer war mit Schusswunden übersäht, aus ihrem Maul ergoss sich ein Bach aus schwarzem Blut und ihr Körper hing schlaff und kraftlos in den Fäden. Ihre Beine zuckten unkontrolliert.

Das war das letzte, was Sennahoj sah, bevor er sich vom Spinnenbein löste und in die Tiefe fiel.

Eine Zeitlang glaubte er, einfach an einem Fels aufzuschlagen. Ein kurzer, stechender Schmerz, versprach sich sein schwindender Geist, und er wäre von diesem Alptraum erlöst. Stattdessen wurde er von nur noch mehr Fäden abgefangen. Sie bremsten seinen Fall unsanft und fesselten ihn, zuerst wie ein Himmelbett, dann stählern und endgültig.

***

Als er wieder zu sich kam, war er schon seit Stunden wach. Es fiel ihm lediglich erst jetzt auf, dass er nur Minuten bewusstlos gewesen war. Er hing nun aufrecht in einem Fadenkokon, dieses Mal im Schatten, jedoch nur unmittelbar von dem Schacht entfernt, durch den er vermutlich in diese Halle gestürzt war. Tageslicht und witzige Tröpfchen von Feuchtigkeit fielen aus dem Schacht ins Dunkel. Millionen und Milliarden von Fäden spielten glitzernd darin.

Sennahojs Fesseln waren nun auch kein Durcheinander mehr, sondern gezielt angelegt worden. Sie machten ihn beinah unbeweglich, besaßen aber deutlich spürbare Schwachstellen, die sich von einer Kraft, die beispielsweise Hände mit einem einzigen Ruck abtrennen konnte, leicht öffnen ließen. Von seiner rechten Hand zeugte auch weiterhin nur noch ein Stumpf, diesmal jedoch mit einem Verband aus Spinnenseide versorgt und die Striemen an Hals und Schultern rochen säuerlich. Sie waren wohl desinfiziert worden.

Sennahoj seufzte verbittert und erschrak auch nicht, als er im Schatten jenseits des Schachts die Mutter-in-Erwartung erkannte. Ihr riesiger, massiger Spinnenkörper hing zittrig und unsicher im Fadengewirr.

„Was jetzt?“, fragte er und war erstaunt, dass sich seine Kehle überhaupt nicht ausgetrocknet anfühlte.

Die Gestalt rührte sich, wenn auch nur unmerklich. Ihre knochendurchbohrende Stimme drang aus dem Geflecht: „Wir leugnen es nicht: Wir genießen das Leid“, zischte es als Vibrationen aus dem Dunkel. „Wir werden uns am Leid des Letzten ergötzen, ich werde es eines Tages beenden und gemeinsam trinken wir dann seinen süßen Saft. Doch bis dahin werden wir ihm einen Baldachin weben, damit ihn der Regen nicht schwächt und in warme Fäden kleiden.

„Wozu?“, rief Sennahoj.

Wir werden ihm Wasser bringen und ihn vom Unrat reinigen. Vielleicht schenken wir ihm Nahrung, frisches Fleisch oder trockene Kekse. Vielleicht gewähren wir ihm Gesellschaft, unsere und seinesgleichen. In einer anderen Grube hängt ein Weibchen und schreit. Vielleicht bringen wir sie hierher und das Weibchen und der Letzte können uns gemeinsam verfluchen und sich beim Sterben zusehen, wenn wir ihre Zeit für gekommen entscheiden. Denn sie wird kommen. Aus einer Laune heraus.

„Wozu noch?“

Vielleicht morgen, vielleicht in Tagen, vielleicht in Wochen oder länger. Doch jedes Mal, wenn wir kommen, kann es das letzte Mal sein. Vielleicht spielen wir auch mit dem Weibchen und dem Männchen ein Spiel, um wieder einen Letzten zu entscheiden. Vielleicht trennen wir ihnen auch nur einen Arm ab oder ein Bein, nur um ihn daran zu erinnern. Jeder Tag wird eine Qual sein. Qual und Ungewissheit.

„Wozu das alles noch? Um mich leiden zu sehen?“

Ja. Damit die Beute leidet. Das werden wir genießen.

Damit endete ihr Monolog durch die Fäden und sie entfernte sich. Sennahoj spürte jeden ihrer Schritte, wie sie ihr Gewicht durch das stabile Gespinst hievte und immer tiefer darin eintauchte. Am tiefsten Punkt dieser Höhlen, die sie vermutlich selbst gegraben und stabilisiert hatte, da lag, oder besser hing ihr Thron, das Herz der Fäden, von wo aus sie jede Beute spüren konnte, die ihr ins Netz ging, von einem unvorsichtigen Abenteurer bis zur unglücklichen Ratte. Und in ihrem Leib, da spürte sie ihre Kinder, Tausende, die sie einmal der größten Mutter dieser Welt machen würden.

***

„Ich weiß nicht, wie lange Sennahoj noch lebte“, erzählte Adnaloj und holte ihren, inzwischen verbrannten Teil des Zonenhunds vom Feuer. „Vielleicht ist er sogar noch am Leben, obwohl er dann an Verkümmerung gestorben sein muss. Es spielt eigentlich auch keine Rolle mehr.“

Adnaloj saß zusammen mit ihren zwei besten Freundinnen und treuen Weggefährten, der jungen, strohblonden Airam und der gealterten, aber mehr als erfahrenen Ettena ums Feuer. Ihre Bäuche waren mit dem Fleisch eines Zonenhunds gefüllt und ihre Rucksäcke mit Aluminiumzylindern voller Göttersehnen. Morgen Abend würden sie schon wieder in der Stadt sein und übermorgen wären sie wohl reich. Eine Dose voller Rückenmarksflüssigkeit reichte, um den Rest des Lebens von einem Zimmerservice bedient zu werden und sie hatten auch noch zwei!

Bis dahin gab es nur noch eine letzte Hürde zu passieren: Grünlich glühende Wolken umspielten nämlich in der Dunkelheit ihr Lager und schienen dabei, wie Wellen gegen den Feuerschein zu wogen, nur um sich kurz davor wieder panisch zurückzuziehen. In den Städten nannte man diese Wesen Sonnenfresser oder Asbestkäfer und sie hätten die drei Frauen grausam zerfleischt, hätten sie sich nicht zuvor mit den Ausdünstungen eines Klebebergs, ihrem natürlichen Feind, eingerieben. Das sie noch lebten, verdankten sie eben Adnaloj, ihrer Anführerin, die nicht nur erkennen konnte, dass hier Asbestkäfer nisteten, sondern auch, wie man noch vor dem Sonnenuntergang einen Klebeberg ausfindig machte – und zwar mit Asbestkäferlarven. Tricks und Wissen wie dieses waren es auch, das Adnaloj zu einer der besten Fleischsammlerinnen überhaupt und reich gemacht hatte. Den Gerüchten nach war sie auch die Einzige, die zehnmal in die Zone gegangen und zurückgekehrt sei.

Und nun hatten sich ihre Freundinnen das Recht verdient, in ihr Geheimnis eingeweiht zu werden: „Die Mutter-in-Erwartung jedenfalls erfüllte ihre Drohung und brachte ihm tatsächlich die Frau. Sie verstanden sich auch auf Anhieb gut – was aber vermutlich daran lag, dass sie keine andere Wahl hatten.“

Ettana schaltete sich ein: „Und irgendwann taten sie’s miteinander. So zwischen den Fäden.“

„Und du bist ihr Kind“, schloss Airam ab.

Was die immer misstrauische Ettana mit Kopfschütteln beantwortete: „Adnaloj, sei mir nicht böse, aber das glaub’ ich dir nich’. So eine Mutter-in-Erwartung hätte sich nie ´n Jahr lang zurückgehalten. Und keine Frau hätte ´n Jahr lang in ´nem Spinnennetz hängen und dann noch ein Kind kriegen können.“

Adnaloj zuckte mit den Schultern. „Ich weiß natürlich nicht, wie ich wirklich entstanden bin. Angeblich lebte meine Erzeugerin bis zu meiner Geburt in einem geräumigen Kokon in der Bruthöhle und als sie einmal fliehen wollte, wohl im dritten Monat der Schwangerschaft, da nahm ihr meine Mutter die Beine ab. Aber selbst wenn das gelogen sein sollte, ich bin als das Kind der Mutter-in-Erwartung aufgewachsen, hier in der Zone.“ Adnaloj wartete kurz ab und ließ die Erkenntnis einsickern, bevor sie fortsetzte: „Sie war eine gute Mutter. Wenn ich sehe, wie Menschen manchmal mit ihrem Nachwuchs umgehen, wie oft sie ihn vernachlässigen oder verwöhnen, hat sie mir so viel Liebe und Erziehung angedeihen lassen, wie es keiner von unserer Art gekonnt hätte. Sie ist wahrhaft als eine Mutter geschaffen worden. Wenn ich beispielsweise auf der Flucht war, während meinen ersten Spaziergängen durch die Zone, konnte ich mich jederzeit in ihre Gruben werfen und sie wusste sofort, dass ich in den Fäden hing und keine Beute.“

„Ich glaub’ dir trotzdem nich’. Wieso bist du dann gegangen, wenn’s so toll war?“

„Weil ich ein Mensch bin und sie das auch wollte. Ich war nie dazu bestimmt, für immer an ihren Fäden herumzuklettern, sondern sollte von Anfang an ihre kleine Späherin sein, um den Vater ihrer vielen Kinder zu finden. Ich hatte aber eine bessere Idee …“

Iriam kicherte. „Dass du Gottesfleisch sammelst und ihr Konto aufbesserst?“, fragte sie noch einmal kichernd. Sie kicherte immer, ganz gleich, ob es gerade passend oder daneben war.

„Ich sollte ihre Agentin sein“, erwiderte Adnaloj kühl.

Ettana verstand, wenn auch zu spät. Sie fletschte die Zähne: „Dass ich mich bedröppelt fühl’, ist kein Zufall, oder? Das ist der Schleim von diesem lebenden Klebestreifen!“

„Wenn man sich nicht dagegen immunisiert hat, so wie ich, schaltet er den Willen seiner Beute ab. Man wird gefügig, wenigstens für einige Stunden. So jagen Klebeberge, wenn sie gerade keine Asbestkäfer finden. Ich gebe zu, euch absichtlich in das Revier dieser grünen Wolken geführt zu haben, aber ich brauchte die Gefahr des Todes, damit ihr euch ohne zu fragen mit einer unbekannten Flüssigkeit einreibt.“

Ihre Begleiterinnen wollten aufspringen, wurden aber von Adnaloj mühelos zurück in die Sitzhaltung gedrückt. „Was hast du jetzt vor, du blöde Schlampe?“, fragte die Älteste der drei. „Willst du uns an deine Spinnenmutter verfüttern?“

„Ich bringe euch zu ihr, ja, aber nicht als Nahrung. Dafür kann sie allein besser sorgen. Jedoch verirren sich schon seit langer Zeit kaum noch Frauen in die Zone und entsprechend gar nicht mehr in ihr Nest. Sie will jedoch mehr als nur ein Menschenkind und ich wünsche mir schon lange ein paar Geschwister. Eure Kinder und die Kinder eurer Kinder – das Zonenvolk, wie man sie hoffentlich mal nennen wird – werden dafür sorgen, dass meine Mutter von einem Mysterium zu einer Macht wächst. Das war mein Plan: Ich bringe meine Schöpferin an die Börse, wenn man so will.“

„Und diese Kinder sollen wir kriegen? Das kannste dir abschminken!“

Adnaloj holte ein Seil aus ihrem Rucksack und band ihre beiden Freundinnen daran fest. Anschließend zog sie ihnen die Rucksäcke an – das viele Fleisch ließ ich immerhin gut verkaufen – und führte sie von der Feuerstelle weg durch die Nacht. Nur Ettana wehrte sich noch kurz, konnte aber nach wenigen Momenten nicht anders, als sich in ihr Verderben führen zu lassen.

„Fick dich, du dreckiges Stück! Wen immer mir deine Hurenmutter vorsetzt, dem beiß’ ich eher den Schwanz ab!“, schrie die ehemalige Soldatin.

Airam flehte: „Bitte, Adnaloj, lass uns gehen! Wir sind doch Mangelware! Ettana hatte vier Abtreibungen und ich habe soviel Rauschgift genommen, dass ich vielleicht gar keine Kinder mehr bekommen kann. Lass uns ein paar Huren besorgen! Oder wir gehen zum Sklavenmarkt bei Lednah und kaufen deiner Mutter die besten Frauen, die wir finden können! Mit dem Geld bekommst du so viel Gesünderes als uns!“

Adnaloj lächelte, nur für sich. „Immerzu verhandelt die Beute, verhandelt und beschwichtigt. Wir haben ihr niemals nachgegeben und wir werden es auch niemals tun.“, flüsterte sie mit zischenden Tönen in die Dunkelheit, die die drei Frauen gierig in sich aufnahm.

 

— Maex, 2008