Ungeburt

Ungeburt
Ein Fetisch-Horror von Maximilian Wust
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Vorwort: „Wenn sich jemand entschließt, das große Mysterium verstehen zu wollen, dann muss er all seine Aspekte studieren“, erklärte Imperator Palpatine dem labil-mordlustigen Jedi Anakin und machte ihn so über Umwege zum Techno-Samurai Darth Vader. Es war dieser Gedanke, also die Suche nach allen Facetten (nicht die dunkle Seite der Macht), der schlussendlich diese Geschichte entstehen ließ. Am Höhepunkt meiner düsteren Monster-und-Metzel-Phase wollte ich noch tiefer gehen, bis eben auch in die Fetisch-Literatur. Leider kannte ich mich damit gar nicht aus, aber glücklicherweise hatte sich Ende 2007, Anfang 2008 das Internet bereits voll als Anlaufstelle für Weirdos und andere Gestalten etabliert. Bizarre Phantasien waren selten mehr als eine Suchanfrage entfernt.

  In diesem Sinne danke ich der „Fernmother“ (aus hoffentlich Massachusetts) für die Erläuterung der gruseligsten Fetische, von denen ich je gehört habe. Was überhaupt nichts nützt, denn sie kann praktisch kein Deutsch und damit weder diese Geschichte noch die Danksagung lesen.


 

HUNDE UND WÖLFE.

Mein Vater erklärte mir vor langer Zeit, alle Menschen wären entweder Hunde oder Wölfe. Entweder man ginge in die Reiche zu den Eisenfürsten und wäre ein Hund an der Leine. Dort muss man alles tun, was immer der Herr sagt und wäre ihm schutzlos ausgeliefert, aber dafür beschützt und ernährt. Hier draußen am Völkersend ist man ein Wolf: man kämpft ums Überleben, jedes Jahr, wenn nicht jeden Monat, dafür aber ist man stolz und frei. Sagte er und starb wie ein Hund.

Als er noch lebte, hielten und bewachten wir zusammen mit etwa dreißig anderen Großfamilien das Völkersend, unmittelbar bevor das Land zu kalt und zu felsig wurde, um noch irgendetwas darauf anzubauen. Südlich lagen die Eisenreiche und der inzwischen hundertjährige Krieg um das verfluchte Erz, nördlich endete das bewohnbare Land in den Schatterbergen, wo noch Riesen, Nachtkrabbe, Spindler und andere Altweltwesen hausten. Jeder Mensch bei Verstand hielt sich von dort fern. Dort gab es auch nichts, außer Rachen, in die man fahren konnte – keine Schätze, keine versunkenen Ruinen, nur Felswände und Zähne.

Meine Familie arbeitete seit Generationen als Holzfäller, Jäger, Schweinehirten und Selbstversorger, so wie die meisten Menschen am Völkersend. Das Einzige, was uns von den anderen unterschied, war unsere Leidenschaft für die Pilzsammlerei oder der einfältige Mut, in den verfluchten Wäldern kurz vor dem Graubruch, wo die Welt der Menschen in die Welt der Menschenfresser übergeht, nach Pilzen zu suchen. Es machte uns aber auch wohlhabend: Aus den dort beheimateten Reukappen stellte man im Süden eine Paste her, die Wundbrand verhinderte und wohl Tausenden Soldaten das Leben rettete. Dafür verschwand hier und da einer unserer Verwandten spurlos.

Unser Hof glich ansonsten dem, was man in den südlichen Reichen ein befestigtes Gut nennen würde: Wir hatten einen kleinen Graben, auf dessen Grund Holzspeere auf Unvorsichtige warteten; dahinter lag ein Palisadenwall und an unserem Haus stand ein Beobachtungsturm, von dem aus Großvater die meiste Zeit spähte. Das alles war auch notwendig. Ich kann mich an keinen Sommer erinnern, an dem nicht zufällig ein wiedergekehrter Kopfloser in unsere Stachelgrube stolperte. Vaters Bruder, der lange vor meiner Geburt starb, wurde angeblich von einer ganzen Rotte dieser Kreaturen umkreist und zu einem von ihnen gemacht. Mein Vater hoffte daher, seinen Bruder eines Tages zwischen den Speeren winden zu sehen, um ihn endlich von seinem Fluch zu befreien. Davon abgesehen, war der Graben notwendig, um am Völkersend zu überleben; genauso wie die Kampfübungen, die bereits die Kinder durchliefen.

Jeder, der hier draußen seinen zwanzigsten Sommer erlebt, hat schon einmal auf Leben und Tod gegen ein Niederwesen oder einen Skrälinger, einen Menschen aus den Schatterbergen kämpfen müssen. Wir töten Kreaturen, von denen im Süden nicht mal die Barden singen und Friedhöfe haben wir keine. Wer das Glück hat, am Alter zu sterben, wird verbrannt. Von allen anderen bleibt meist keine Leiche. Ein narbenfreies Männergesicht spricht hier für einen nutzlosen Feigling – im Süden nennt man das eine Schönheit. Aber so stehen eben die Dinge am Völkersend: Man ist ein Wolf, man bangt nicht, man kämpft, bis man stirbt.

***

Eines Tages, und davon will erzählen, stiegen der Riese Hod und seine Frau aus den Schatterbergen herab. Sie wurden, nach dem was uns gefangene Skrälinger erzählten, aus ihrer Heimat verbannt und die Grenzen zu unseren Wäldern erschienen ihnen wohl als passendes Exil.

Beide waren, wie für Riesen üblich, kaum in der Lage zu sprechen, geschweige dem auf Argumente oder Verhandlungen einzugehen und sie sahen auch so aus, wie man sich Riesen eben vorstellt. Der Hod oder Hodr, wie er sich nannte, reichte etwa so hoch wie zehn ausgewachsene Männer. Er trug einen riesigen Bart, der einer Baumkrone Konkurrenz machte; das Haar fettig und lang und einen Lederwams, den ihm seine Frau aus einem Dutzend Kühen gemacht hatte. Seine Beinkleider bestanden aus ganzen Ziegenherden und seine Schuhe aus Bärenhäuten und Skrälingerknochen. Um sein linkes Knie zu schützen, band er sich ungelogen ein kleines Scheunentor um. Sein Weib, nach den Gesetzen der Riesen seit ihrer Heirat namenlos, war um einen Mann kleiner, blond, ein wenig intelligenter als er und sogar recht hübsch. Alle Riesenfrauen sollen schön sein – goldenes Haar, ein Berg aus Kraft und Weiblichkeit –, während die Männer allesamt hässlich und von grober Statur sind. Sie unterwarf sich jedenfalls vollkommen ihrem Mann; aß erst, wenn er es ihr erlaubte und vermied es sogar, ihm in die Augen zu sehen. Heute weiß ich, dass sie die Klügere war, die der Bauernweisheit entsprechend nachgegeben hat.

Es dauerte nicht lange, bis wir unsere neuen Nachbarn bemerkten. Unsere Späher folgten ihnen bereits einige Tage, bis sich das Ehepaar in einer der Höhlen am Kupferbach niederließ. Da wussten wir längst, dass die Riesen zum Problem werden sollten.

Während wir noch darüber diskutierten, ob und wie wir uns dieser Giganten entledigen würden, fingen sie bereits an, die einzige Kuhherde unserer Gemeinschaft zu vertilgen. Jeden Morgen kam Hod zum Kuhhirten und nahm sich eines seiner Tiere, manchmal sogar zwei. Für einen zehn Mann großen Giganten ist ein Rind ohnehin nicht viel mehr, als eine dicke Ratte und ein Schwein vielleicht eine Feldmaus – er fraß sich bald durch unsere gesamten Viehbestände. Ohne, dass wir viel dagegen unternehmen konnten: Der Kuhhirte stellte sich ihm schließlich in den Weg und landete mitsamt seinen Knechten im Topf. Als wenig später alle waffenfähigen Männer des Dorfes gegen den Riesen auszogen, verloren wir fast ein Viertel an die riesigen Fäuste und Fußsohlen des Hod.

Ich war dort. Wir stürzten uns von einer Klippe aus auf ihn und tanzten mit Hellebarden und Mistgabeln auf seiner Schulter, während er uns träge abzuschütteln versuchte. Mein ältester Bruder verlor als Erster das Gleichgewicht. Er zögerte, der Riese schnappte und zerdrückte ihn zu einer Kugel aus Blut, Fleisch und Knochen.

Gleich darauf endete meine damalige Verlobte, ein Bildnis von einer Kriegerin, zusammen mit ihrem Bruder unter seinem riesigen Schuh. Er wollte sie anscheinend gar nicht erwischen, sondern sein Gesicht von den Bogenschützen am Klippenrand abwenden und trat dabei auf die beiden. Das Knacken hörte man bis zu uns auf den Schultern hinauf. Ich wollte nur noch in Raserei geraten und wie ein wildes Tier auf das Ungetüm einschlagen, aber dann wäre es mir genauso ergangen.

Der Rest des Kampfes verlief ähnlich aussichtslos. Zwei weitere Männer wurden zertreten, den ältesten Sohn des Kuhhirten brach der Hod in der Mitte durch; seinen Cousin, den Schmied trat er wie einen Lederball aus dem Weg. Spielzeug, mehr waren wir für ihn nicht. Sogar als wir ihn endlich zum Stolpern brachten, fiel er statt nach hinten nach vorne und zermalmte sechs weitere von uns unter seinem Wanst. Nach wenigen Momenten und fast dreißig Toten blies man zum Rückzug. Wir seilten uns ab und flohen, wie zuvor besprochen in die Wälder hinein. Wo dann noch mehr von uns an eine Familie von Grabschern gerieten. Diese Langarme hatten anscheinend von den Essensresten der Riesen gelebt und während der Schlacht nur auf Flüchtlinge gewartet.

In den Tagen danach zeigte Hod, warum man ihn aus dem Land der Riesen verbannt hatte, nämlich Grausamkeit. Er überfiel eines Nachts den Hof des bereits verspeisten Kuhhirten, brach das Dach auf und entführte die gesamte Familie. Sie muss ihm geschmeckt haben, denn gleich darauf stürzte er sich auf eine Holzfällerfamilie, verschlang die Kinder auf der Stelle und nahm die Erwachsenen mit in seine Höhle. Noch vor dem nächsten Abend verschwanden zwei Späher – wir fanden ihre Gürtelschnallen vor seiner Behausung.

Uns gelang es gerade einmal die Grabschertrolle einzukreisen und, als sie sich als zähe Kämpfer herausstellten, in Hods Höhle hineinzujagen. Das ungenießbare, aber anscheinend dennoch essbare Fleisch dieser Kreaturen hielt ihn wenigstens für eine Woche davon ab, wieder auf Menschenjagd zu gehen. Die meisten von uns zerstreuten sich währenddessen, versteckten sich in den Winterhöhlen am Katzenkopf oder versuchten ihr Glück im Süden. Einer meiner Brüder wagte sich sogar mit seiner Frau nach Norden in die Schatterberge hinein. Weiß der Teergott, warum.

Danach Hod ging weiter auf die Jagd. Soweit ich weiß, fand er den Unterschlupf der Schulzenfamilie und fraß sich durch die zehn Kinder unseres Dorfältesten. Er soll sie lebendig in den Mund gesteckt haben, damit sie im Magen noch strampeln, weil er das so mochte, erzählte man uns. Ich glaube eher, dass er an einem unzerkauten Kind erstickt wäre – ein Mensch kann auch keine Ratte im Ganzen verschlucken –, was aber trotzdem nicht bedeutete, dass er sie nicht allesamt tötete und fraß.

Hinzu kamen die Niederwesen, die jetzt unkontrolliert durch die Wälder streifen konnten. Sie wichen dem Riesen mit Leichtigkeit aus und stürzten sich auf jeden Unvorsichtigen, den wir bieten konnten – wie die hübsche, grünäugige Meierin, unsere Dorfschönheit. Sie und ihr kleinster Bruder wurden von Maren zerrissen. Die recht schlauen Maren wagten sich in besseren Zeiten gar nicht aus den Bergen!

***

Ich will nicht wissen, wie lange Hod noch am Völkersend geblieben wäre, hätte nicht der Nie-König eines Tages eingesehen, dass unser Kriegervolk die einzige Verteidigung gegen die Schrecken der Schatterberge darstellte. Unser Priester hatte es geschafft, ihn zur Unterstützung zu überreden und etwa zwei Monate nach der verheerenden Schlacht gegen den Riesen kamen die Männer des Königs, angeführt durch einige der besten Riesentöter, die die Südreiche aufbringen konnten. Dass es Menschen gibt, die damit ihr Geld verdienen, hätte ich bis dahin nicht zu glauben gewagt.

Diese Männer, eigenartig raue und verstörte Gestalten, bewiesen sehr schnell, dass sie auch wirklich das waren, wofür sie sich ausgaben. Zuerst setzten sie in seiner Nähe eine kleine Herde aus Wildziegen aus; genug, um den Riesen satt zu machen, aber zu wenig, als dass er misstrauisch wurde. Damit er sie auch fand und sie nicht wegliefen, hatten sie den Tieren schon zuvor ein paar Beine gebrochen und fehlerhaft wieder zusammenwachsen lassen. So wirkte die kleine Herde kränklich, aber nicht als ein ausgelegter Köder.

Der Hod fiel darauf herein und nahm sich jede Ziege, die er zu fassen bekam. Als seine Hände voll waren, steckte er sogar welche in den Mund und unter die Achseln. Ich fragte natürlich einen der Gigantentöter, ob sie die Ziegen vergiftet hätten und ärgerte mich darüber, dass wir nicht selbst auf diese Idee gekommen waren. Er antwortete allerdings, dass es unter dem Himmel kein Gift gab, das einen Riesen für länger als eine Stunde aussetzen könne; die Ziegen dienten tatsächlich nur als Fütterung, damit beide Riesen die nächste Zeit satt und faul wurden. So erklärte es mir ein Schüler. Die richtigen Riesentöter sprachen tatsächlich kein Wort. Sie hätten ihre Sprache im Schrecken verloren und redeten nur noch, wenn es unbedingt nötig ist, sagte man mir.

In den nächsten zwei Tagen, in denen das Ehepaar Hod dank genügend Nahrung nicht jagen musste, vernichteten wir zusammen mit den Königsmännern alle Niederwesen um den Kupferbach herum. Währenddessen errichteten die Gigantentöter ihre Fallen und machten Pläne. Ihre Schüler und Helfer errichteten riesige Armbrüste, sogenannte Ballisten und häuften um die Riesenhöhle Feuerstellen aus seltsamen Schilf auf, das sie Katzentod nannten.

In der dritten Nacht entzündete man sie. Das Katzentod darin machte seinem Namen alle Ehre: es stank bestialisch. Ich musste mich zweimal übergeben und ein nasses Tuch vor den Mund halten, um nicht bewusstlos zu werden. Fast ein Fünftel der Königsmänner führte man wankend, erbrechend und stammelnd aus dem Dunst heraus. Einer soll sogar daran gestorben sein.

Aber die Katzentod-Feuer funktionierten: Der Hod und seine Frau taumelten genauso benommen und hustend aus ihrer Höhle und ergriffen die Flucht. Hod selbst kam nicht weit. Zehn Ballisten feuerten mit Widerhaken ausgestattete Seilbolzen auf den Riesen ab, die sich in alle Körperteile hineinbohrten und ihn in einem Atemzug an die Schlucht fesselten. Er brüllte und strampelte, ohne zu wissen, dass sich die Harpunen dadurch nur noch tiefer in sein Fleisch bohrten.

Seine Frau, durch seinen massiven Körper vor dem Pfeilhagel geschützt, schrak zurück und floh in die andere Richtung, wo eine weitere Batterie Ballisten auf sie wartete. Sie hatte jedoch mehr Glück und war schnell oder schwer genug, um durch das Harpunenfeuer hindurchzupreschen. Schwer verletzt und mit einigen Bolzen im Rücken stolperte sie in den nächtlichen Wald hinein. Für den Hod schlug dagegen das letzte Stündlein: Die Gigantentöter zogen die Seile mit riesigen Winden und Gegengewichten fest und fixierten das Monstrum. Gleich darauf ließen sie ihn von den Königsmännern mit Brandpfeilen und glühender Kohle beharken.

Ich muss zugeben, sein ohrenbetäubender Schrei hatte etwas Wunderbares, Erfüllendes. Der Geruch seines verbrennenden Fleisches war so unglaublich süß.

Es gelang ihm sogar noch, sich aus den Seilen zu befreien. Er zappelte mit solcher Wucht, dass er fast die Hälfte der Ballisten aus ihrer Verankerung riss. Zwei Gigantentöter wären dabei in den Tod gestürzt, hätten sie sich nicht in weiser Voraussicht an die nächsten Bäume gebunden. Hod flüchtete vor Panik blind und schreiend tiefer in die Kupferbachschlucht hinein, schlug mit der Seite gegen die erste Verengung und stolperte schließlich über zuvor ausgelegte Baumstämme.

Mein kleinster Bruder fiel einmal, da reichte er mir kaum bis zum Gürtel, beim Spielen hin und verlor dabei einen Zahn. Ein gut zwanzigmal so großer und felsenschwerer Riese kann sich bei einem Sturz den Schädel zertrümmern, was dieser eine auch tat. Der Hod schlug sich den Kopf an der Klamm auf und verteilte seine Gehirnmasse über die gesamte Felswand. Da war auf einmal genug weiches, rosafarbenes Fleisch, um einen ganzen Schweinehof für Wochen zu versorgen.

***

Die Monate nach Hods Ende waren die schönsten meines Lebens.

Die Männer des Königs halfen uns in einer großen Säuberungsaktion, um den Wald vollkommen von Niederwesen zu befreien. Wir töteten endlich den Spindler in unserer alten Mühle; danach machten wir die Kopflosen im verlassenen Dorf nieder – es sollte Jahre dauern, bis wir wieder von einem hörten – und wir verwickelten sogar das Marenrudel in eine tagelange Treibjagd. Ein Marenfell bringt im Süden eine schöne Summe Geld ein, was den Kommandanten breit grinsen ließ – genauso wie uns, nachdem wir daran im Voraus beteiligt wurden. Wir erwischten auf der nächsten Jagd sogar einen Nachtkrabb, den ich liebevoll bei lebendigem Leibe über dem Feuer röstete. Leider war es nicht der, der sich damals in meine Schwester eingenistet hatte.

Natürlich halfen uns die Männer nicht aus reinster Nächstenliebe. Die Gigantentöter verdienten mit jedem getöteten Riesen ein Vermögen. Daher versprachen sie auch den Männern des Nie-Königs einen fürstlichen Anteil an der Belohnung, wenn sie dafür den Wald nach der Riesin durchkämmten, was selbstverständlich leichter war, wenn da keine Niederwesen mehr lauerten. Uns, den Familien am Völkersend kam das nur gelegen: Nach der gründlichsten Säuberung der letzten zehn Generationen hatten wir endlich Zeit, unsere Stellungen wiederauszubauen, die verlorenen Tiere ungestört nachzuzüchten und die Verluste durch neue Söhne auszugleichen.

Was aus der Leiche des Hod wurde, lässt nur schwer ohne Ekel beschreiben. Die Schweinehirten bedienten sich an seinem Fleisch, arbeiteten ganze Karren voll Beinmuskulatur aus ihm heraus, um sie an ihre Tiere zu verfüttern. Andere Teile landeten über dem Feuer und schlussendlich im Magen einiger Hinterbliebenen seiner Jagd. Ich selbst wollte nicht einmal daran denken, Riesenfleisch zu essen, aber ich kann die Hungernden, denen der Hod jede Lebensgrundlage genommen hatte, gut verstehen.

Wir bedienten uns einige Tage an seinem Fleisch, bis der gewaltige Kadaver Heerscharen von Krähen und Wildschweine anlockte. Nach einigen Tagen wurden wir es leid, sie wegzuscheuchen und wir ließen sie wochenlang ein krähendes und quiekendes Fest in der Kupferbachschlucht feiern. Zum Schluss zerteilten wir die modernden Reste und Knochen und verbrannten sie. Die Kupferbachschlucht riecht trotzdem sogar heute noch nach Verwesung.

Frau Hod wurde jedoch nicht mehr gefunden. Sie war wohl zurück in die Berge geflohen, bemerkten die Riesentöter und zogen mitsamt den königlichen Recken ab. Sehr zu unserem Bedauern, denn eine permanente Befestigung mit so vielen Schwertarmen und Bogenschützen hätte das Leben hier deutlich erleichtert, auch wenn das karge Land kaum genug Nahrung abgeworfen hätte, um auch nur ein Viertel von ihnen zu ernähren.

Für uns ging es dennoch aufwärts: Wie alle Männer und Frauen hatte auch ich schon längst eine Ersatzehe arrangiert bekommen und heiratete die Frau des Imkers, auch ein Prachtweib. Die Gattin meines gefallenen Bruders ging an unseren jüngsten, der zwar noch keine zwölf Sommer zählte, aber als Mann schon zu funktionieren wusste, wie dieses immer dreiste Weib einmal nach einem Krug Met tratschte. Sogar der Bruder, der sich in die Schatterberge aufgemacht hatte, kehrte zurück, wenn auch ohne sein Weib. Sie hätte einen Tropfen Schwarzes Blut abbekommen, erzählte er unter Tränen und er habe sie erschlagen müssen. Wenigstens kehrte er nicht ganz mit leeren Händen zurück: Als Beute präsentierte er uns ein Blashorn der Skrälingerstämme, mit dem man alle Tiere im Umkreis von einer Meile aufschrecken lassen konnte – ein selten nutzloses Werkzeug. Der Rückkehrer wurde jedenfalls mit der kleinen Schwester meiner Frau vermählt und das Leben war gut. Zum ersten und letzten Mal war es gut. Dass es überhaupt so sein kann, hätte ich nie zu träumen gewagt.

Natürlich endete es.

***

Es war Spätsommer. Der Wald dampfte vor Hitze, würde aber bald in berstender Kälte versinken. Die Ernte wurde in den nächsten Tagen eingefahren und die Händler aus den südlichen Reichen würden in spätestens einer Woche das letzte Mal eintreffen, bevor die Pässe bis zum nächsten Jahr zuschneiten.

An diesem einen Abend aßen wir wie immer gemeinsam, tauschten ein paar knappe Geschichten aus und teilten uns in unsere Schlafzimmer auf – jeder Bruder hatte mit Frau und Kindern eines, so wie in jedem besseren Hof des Völkersend.

Man fragte mich später oft, ob ich etwas geahnt hätte. Die Wahrheit ist: Da war nichts. Ich hatte kein schlechtes Gefühl, keine Vorahnung und auch keine Eingebung, sondern ging wie jeden Abend zu Bett; horchte noch kurz, ob etwas an den Palisaden herumschlich und schlief ein.

Die erste Erschütterung ließ mich nur aufwachen. Ich konnte nicht bestimmen, ob ich sie gerade geträumt oder tatsächlich erlebt hatte. Die Zweite machte mich wach. Die Dritte ließ mich aus dem Bett springen. Der ganze Hof erwachte in Panik. Der Hod ist zurück, kreischte meine Frau. Unsere Tochter floh unter unser Bett, was ihr das Leben rettete, während wir aufsprangen und nach unseren Waffen griffen. In den Keller, brüllte ich so laut, dass es das ganze Haus hörte. Das war ein Riese! Direkt an unserem Hof!

Von einem Moment auf den nächsten löste sich unser Dach von den Wänden. Mit Bersten und Donnern. Ich duckte mich unter den Holzsplittern und herabfallenden Mauersteinen weg und blickte einen Augenblick später in die sternenklare Nacht. Wo ist der verdammte Riese, fragte ich mich und suchte den Himmel nach ihm ab. Da schnappte auch schon ein Schatten nach meiner Frau. Etwas Dunkles umschlang sie und hob sie in die Luft. Gleich darauf war sie verschwunden. Ich rief ihren Namen, aber statt ihrer antwortete eine unsichtbare Macht, die plötzlich aus dem Nichts schoss. Es ging viel zu schnell. Undurchdringbare Dunkelheit umgab mich. Sie drückte mir die Luft ab. Unter mir entdeckte ich plötzlich unser Haus – oder was noch davon übrig war – und Menschen, die wie aufgeschreckte Mäuse in den nächsten Unterschlupf flüchteten.

Unser Hof verschwand. Ich tauchte in den Gestank von toten Kühen, rutschte an einer Wand aus Leder entlang und fiel über etwas Weiches, das sich als die Frau meines jüngsten Bruders entpuppte. Sie war fast nackt, das spürte ich unter meinen Fingern und trug nur den sommerlichen Lendenschurz für das Bett. Hinter ihr wimmerte ihr dreizehnjähriger Ehegatte und hinter ihm erkannte ich ein weiteres Paar Arme und Beine.

Ein Loch öffnete sich irgendwo in der Decke, ich erkannte den Mond und weiterer Körper stürzte zu uns hinein. Dann noch einer. Und noch einer. Einen Augenblick später begann sich dieser Ort zu bewegen. Was geschah hier? Der Boden unter mir war weich und nachgiebig – wie ein dickes Laken, das man über zwei Zaunlatten gelegt hat – so dass ich kaum aufstehen konnte. Geschweige dem, mich zurechtfinden.

Dieses Gefängnis roch wie eine tote Kuh – nein, eher wie schlecht gegerbtes Kuhleder. Daher kannte ich diesen Gestank! Es bebte und bewegte sich und warf uns Insassen immer wieder übereinander. Ich fiel meinem Bruder in den Schoß, richtete mich auf und stolperte in seine Frau, wurde durch die Luft geschleudert und stieß meinem Vater gegen die Stirn. Rechts von mir hörte ich ein Knacken. Jemand hatte sich etwas gestaucht oder gebrochen. Schließlich spürte ich so etwas eine Naht. Ich zögerte nicht lange und hielt mich daran fest. Tatsächlich, da war eine Naht aus dicken Seilen an der Wand. In der Wand. Sie hielt die Wände zusammen. Wenn ich sie mit aller Kraft spreizte, konnte ich sogar hindurch sehen. Unter uns erkannte ich den monderleuchteten Waldboden vorbeiziehen, über den wir zwei Mann hoch zu schweben schienen. Als nächstes sah ich einen riesigen Schenkel und wie er zwischen uns und dem Unterholz tanzte. Dann wurde es mir klar.

Wir sind in einem Beutel, verkündete ich den anderen. Ein Riese hat uns in seinen Beutel gestopft! Wahrscheinlich Frau Hod! Oder ein Bruder mit Rachlust!

Ängstliches Wimmern und Angstschreie antworteten mir.

Um hier herauszukommen, brauchte ich eine Waffe. Hat denn einer eine Klinge retten können, fragte ich in die bebende Kammer aus Kuhhaut hinein. Es kam keine Antwort, nur Hilfeschreie und das Geräusch hüpfender Leiber, die sich inzwischen allesamt an irgendetwas festhielten.

Ich rief nach meinem jüngsten Bruder und bemerkte, dass er schon die ganze Zeit über mir an den Nahtseilen hing. Mein Plan, sofern man meine Idee so nennen durfte, war einfach: Er müsse mit unserer Hilfe durch die Naht zwängen. Ein bisschen drücken, ein bisschen stopfen, aber er käme hindurch. Dann sollte er sich leise auf den Waldboden fallen lassen und ins Dorf flüchten. Dort dann erklären, dass wir nach Südosten gebracht wurden – auf meine Orientierung konnte ich mich schon immer verlassen –, wahrscheinlich zu den Winterlager-Höhlen der ersten Völkersend-Menschen. Er musste Hilfe holen! Das war unsere einzige Chance, nicht in einem Topf zu landen!

Aber da draußen wären die Niederwesen, erwiderte er.

Zu wenige, um ihn zu erwischen. Er muss durch die Naht, erklärte ich. Der andere Weg aus diesem Beutel führe in den Kochtopf des Riesen. Schließlich stimmte er zu.

Danach gab es keine Zeit mehr zu verlieren. Zusammen mit einer Frau – meiner? – drückten wir ihn mit dem Kopf voraus durch die Nahtstelle. Wir kämpften, er stöhnte vor Schmerz, bis er auf einmal hindurchrutschte. Sein kleiner, knabenhafter Körper, blass im Mondlicht, prallte gegen den weichen Waldboden.

Ich wollte schon vor Freude jauchzen, da wurde unser Gefängnis wuchtartig angehalten. Der Riese blieb stehen und wandte sich dem Flüchtling zu. Mein Bruder konnte sich gerade noch aufrichten und zum Lauf ansetzen, bevor ihn ein riesiger Schuh zermalmte. Wörter können den Schrecken nicht erklären, der mich in diesem Moment durchfuhr. Ich sah noch, wie seine winzigen, im Sternenlicht leuchtenden Finger unter der Sohle zuckten, bevor ich für einen Moment den Verstand verlor. Der Riese oder die Riesin marschierte weiter und ich rollte in die Arme einer weiteren Frau – nicht meiner.

Er war gerade erst 13 Jahre alt gewesen und hatte als Einziger nach den dunklen Tagen des Hod nie das Lächeln verloren. Ich werde nie vergessen, wie er zu mir kam und danach fragte, wie man sich vor Nachtkrabbs schützen konnte, oder später, was denn seine Pflichten als Ehemann wären oder nach seiner Hochzeitsnacht, als er vom Frauenkörper berauscht verkündete, dass er ab jetzt jeden Tag eine Erste Nacht hätte. Dann endete er unter dem Fuß eines Riesen und alles war vorbei.

Ich sollte erwähnen, dass sein zerborstener Leib zurück zu uns den Beutel ging.

***

Ich weiß nicht einmal mehr, wie lange wir in diesem Beutel auf- und abhüpften. Alles schien mir wie ein schrecklicher Traum – fern und furchterregend, so als würde ich es gar nicht erleben.

Wir hatten uns zu sehr in Sicherheit gewogen. Wir hatten die Jahre ohne die Niederwesen zu sehr genossen und zu wenige Späher an die Grenze geschickt. Nur so konnte uns ein ganzer Riese entgehen! Dafür zahlten wir jetzt den finalen Preis.

***

Als ich wieder zu mir kam, stürzte ich in einen Käfig aus Holzstämmen. Neben mir lag mein alter Vater, unter ihm der Bruder, der durch die Schatterberge gewandert war. Die Riesin hatte uns, wie ich schon vermutete, in die alten Höhlen gebracht, wo die Vorväter unserer Vorväter ihre Winter überstanden. Wir waren in einer von zwei Haupthallen, die größere in Richtung des Flusses. Ich erkannte die alten Malereien an den Wänden und den mit Runen verzierten, heidnischen Schwurfelsen, auf dem es sich die Gigantin gemütlich machte. Dort, wo unser Käfig stand, auf einem natürlichen Balkon, hatten früher angeblich Druiden zu den frierenden Menschen gepredigt. Jetzt wurden wir hier verspeist.

Unsere Frauen und Töchter zwängten sich in einem zweiten Käfig auf dem Hallenboden. Neben ihnen brannten aufgeschichtete Baumstämme und auf diesen stand ein riesiger Kessel aus Kupfer, so groß wie ein Haus, in dem ganze Wassermassen schäumten. Das hier war unser Ende, erkannte ich bitter. Hier würden wir als Fleischbeilage in den Eintopf gehen.

Die Riesin entpuppte sich selbstverständlich als Frau Hod. Die Jahre ohne den Gatten hatten ihr nicht gut getan: sie war mager und blass geworden. Ihr fleischiges, kräftiges Gesicht wich einem eingefallenem Stück Haut, das sich mit Gewalt über den Schädel zerrte und ihre blonden Haare waren fast weiß und dünn geworden. Hunger und Entbehrung zeichneten dieses immer noch schöne Geschöpf.

Frau Hod, brüllte mein Vater und versuchte zu verhandeln. Würde sie uns nun verspeisen, würden die Riesentöter zurückkehren und sie sollte genauso enden, wie vor Jahren ihr Gatte! Mit dem Gehirn über die ganze Schlucht verteilt!

Sie antwortete unverständlich in der Riesensprache. Druh-Gra-No, Ha-Gruhn-Du. Kol! Kol! So etwa klingt die Gigantenzunge. Dass die Riesin anschließend auflachte, zeigte uns, wie ernst sie diese Drohung nahm. Oder uns vielleicht gar nicht erst verstanden hatte.

Mein Vater versuchte es weiter, aber je lauter er brüllte, umso mehr schien sie ihn zu ignorieren. Ich überdachte solange unsere Chancen: Vielleicht hatten die anderen vom Hof inzwischen das Dorf mobilisiert. Nein, so schnell konnten sie gar nicht sein. Wenn überhaupt, dann waren sie jetzt erst im Dorf angekommen. Bis sie allen erklärt hätten, was geschehen war und genug Leute überzeugt wurden, noch einmal und dann auch noch nachts gegen einen Riesen auszuziehen, sollten wir alle bereits im Topf brodeln. Vielleicht machte sich aber unsere Familie auch direkt auf den Weg hierher. Fußspuren von Riesen sind leicht zu verfolgen, sogar im Dunkeln. Aber was sollten sie ausrichten? Zehn, vielleicht zwanzig Männer und Frauen, ohne Leitern, Kletterhaken oder irgendeine Taktik stellten für die Riesin nicht viel mehr dar, als unerwartete Beigaben für die Fleischsuppe. So finster es aussah: es war an uns, wenn wir hier lebend entkommen wollten.

Der Käfig war im Gegensatz zu dem Beutel eine sehr genaue Arbeit. Der einzige Weg hinein führte durch die Deckelklappe über uns und diese wurde vorsorglich mit einem ochsengroßen Felsen beschwert. Die Gitterstäbe, von Zweigen befreite Jungeichen, lagen perfekt und völlig unbeweglich in den schweren Holzplatten. Dazwischen passte kaum ein Kind hindurch und Kratzspuren erzählten mir, dass es schon andere Gefangene gegeben hatte.

Eine unserer Frauen kreischte. Die Riesin hatte die Erste – die immer dreiste Frau meines jüngsten Bruders – aus dem Käfig zu ihren Füßen geholt. Sie musterte das zappelnde, fast nackte Wesen, zuckte mit den Schultern und machte sich an die Arbeit. Mit unerwarteter Schnelligkeit fing sie den Kopf der Frau zwischen Zeige- und Mittelfinger ein und drehte ihn um. Einfach so. Die Glieder der kleinen, dreisten Frau mit den anmaßenden Bettphantasien und dem Drang, immer ernstgenommen zu werden, erschlafften schlagartig. Ein letzter, leiser Atemzug und sie war tot, nur noch tot und bei ihrem zuvor zertrampelten Mann. Für die Riesin schien das alles Alltag zu sein. Sie riss ihr den Lendenschurz vom toten Leib, zog ein mannsgroßes Schälmesser hervor, weidete den kleinen Körper mit einem Zug aus und warf ihn in Topf.

Wir Männer schrien. Wir weinten und schrien und schlugen gegen den Käfig, während dieses Monster die nächste Frau, ein Mädchen, meine kleine Schwester herausholte, genauso den Hals umdrehte, ausnahm und in das brodelnde Wasser schickte.

Danach kam meine Frau an die Reihe. Frau Hod fuhr mit der Hand in den Käfig, tastete zwischen den verbliebenen beiden Frauen und schaffte es schließlich, eine in die Finger zu bekommen. Meine! Mir blieb der Atem stehen. Ich betete zu allen Göttern, dass sie das jetzt nicht zuließen. Ihr Schöpfer und Herren, rief ich sie an, jenseits und diesseits der Ersten Eiche. Ich bot ihnen alles, was immer sie begehrten, wenn sie jetzt nur meine Frau verschonten

Vergeblich. Die Riesin hob den breiten, muskulösen Körper meiner Gattin aus dem Käfig. Sie wirkte schwach und kaum noch in der Lage, sich zu wehren.

Ich dagegen brüllte und schlug mit der Stirn gegen die Käfigstäbe. Mich sollte sie fressen, dieses Drecksvieh. Ich beleidigte sie noch rauer und lauter als mein Vater. Als das nicht half, schnappte ich mir einen Stein vom Boden und warf ihn ihr ins Gesicht. Oder versuchte es wenigstens. Der Erste kam kaum eine Mannslänge weit. Der Zweite traf die Riesin am Arm und prallte an ihr ab wie ein Kieselstein, der er für sie auch war.

Wo blieb unsere Familie? Irgendeine Verstärkung?

Meine Ehefrau sah der Riesin ins Gesicht, diese erwiderte den Blick und für einen Moment glaubte ich, in den gewaltigen Augäpfeln so etwas wie Mitleid zu erkennen. Sie wirkte wie eine traurige, einsame Frau, die ein unschuldiges Kätzchen in den Händen hält, die Mundwinkel nach unten gezogen, nichts Böses in den Gesichtszügen. Meine Frau senkte schließlich den Kopf und die Gigantin ging wieder ans Werk.

Ich weiß nicht, ob ich hingesehen habe. Ich erinnere mich nur an das leise Knacken, dem Zerreißen dünner Nachtkleidung und diesen Laut, als würde man in einen Apfel beißen, als sie den Brustkorb mit einem Zug vom Gedärm befreite. Meine Fingernägel waren danach blutig, vermutlich hatte ich sie an den Gitterstäben abgewetzt.

Zuletzt folgte die älteste Tochter meines ältesten Bruders, vierzehn Sommer alt, gerade im heiratsfähigen Alter angekommen, aber schon weiser und kälter als die meisten ihres Alters. Sie hatte sich bereits im Käfig entkleidet und fügte sich schweigend ihrem Schicksal; nahm ihre letzten Atemzüge, als die Finger ihren Kopf erfassten, schloss die Augen und ging.

Wie ein starker Ast, der bricht.

Danach zerteilte die Riesin die zertrampelte Leiche meines jüngsten Bruders in essbare und nicht mehr essbare Teile. Seine sterbliche Hülle gesellte sich zu den Frauen.

***

Man hatte uns von Anfang an darauf vorbereitet, dass meisten vor ihrer Zeit sterben würden. Die Kinder würde der Hunger holen, die Alten die Krankheit und wer nicht von den Niederwesen und Nachtwandlern gefressen wurde, der ging in die Speere wilder Skrälinger. So war es immer gewesen, so wird es immer sein, sagte unser alter Priester und wurde noch am selben Tag vom dem Spindler in der alten Mühle verwebt. Seine schulterlangen Haare hatten diese Altweltbestie wohl aus ihrem Versteck gelockt.

Wir lebten nach diesen Lehren. Kinder bekamen so wenig wie Liebe wie möglich, damit es uns nicht wehtat, wenn sie ein Nachtkrabb aushöhlte und Frauen wie Männer waren in der Ehe ersetzlich. Treuegelöbnisse interessierten uns nur in den ersten Tagen der Ehe und wir feierten und tranken, wann sich die Gelegenheit bot, denn jede Feier konnte die letzte sein.

Trotzdem hatte mich das nicht auf diese betäubende Flut der Gefühle vorbereitet, als unsere Frauen getötet, wie Fische ausgenommen und gekocht wurden.

***

Es dauerte einige, viele Momente – wohl eine ganze Stunde –, bis ich verstand, dass wir noch nicht an der Reihe waren. Die Riesin tat, was Riesen eben tun. Sie schmeckte ihre Fleischbrühe ab, würzte sie mit einem Karren voll Rüben und rührte andächtig in dem guten Essen. Später hörte ich sie schmatzen und kauen; leises Knacken, wenn die weichgekochten Knochen unter den Riesenzähnen nachgaben; dazwischen einen leiser Rülpser und sie aß weiter.

Irgendwann war sie satt und fertig. Sie ging für eine Weile nach draußen, wusch anscheinend ihr Geschirr und kehrte sichtlich befriedigt zurück. Wir Männer schienen wohl erst das nächste Abendessen zu werden. Oder das Morgenbrot. Es spielte keine Rolle mehr.

Ich stand auf, sah meinem Vater und meinem Bruder in die Augen und erklärte ihnen, dass mir Frau Hod nicht den Hals umdrehen brauchte. Wenn sie mich morgen in den Topf schicken würde, wäre ich schon tot!

Vater und Bruder stimmten zu. Es würde niemand kommen, um uns zu helfen, nicht rechtzeitig. Wenn sich dann ein Späher in die Höhle schlich, um nach eventuellen Gefangenen zu sehen und nur noch unsere Leichen fand, würde man zudem auch keine Dummheiten begehen, um uns zu retten.

Damit war es beschlossen.

Wir daumendrückten rasch, wer die anderen beiden erwürgen und sich danach selbst den Schädel einschlagen sollte. Ich gewann. Selbstverständlich. Ohne zu zögern ging ich an meinen Vater, gab ihm den Abschiedsgruß zu den Ewigen Tafeln und umarmte seine Kehle mit meinen Fingern. Er ließ sich nichts anmerken. Sein Kiefer zitterte ein wenig und seine Stirn glänzte vor Schweiß, aber am Ende verließ ihn das Leben ohne, dass er einmal die Zähne gefletscht, gestöhnt oder sich gewehrt hätte. Er erschlaffte, friedlicher als die Frauen und ging mit dem grimmigen Blick eines stolzen Völkerssend-Kriegers von uns. Ein starker Mann, im Leben wie im Tod.

Mit meinem Bruder hatte ich es leichter. Er war stärker und konnte mir helfen, also taten wir das, was man mit gefangenen Skrälingerkindern tut, um die Werdung zum Mann zu beweisen: Ich nahm seinen Kopf unter meine Achsel, wir sprangen gemeinsam in die Luft, wobei er die Beine hochhielt und ich abrupt stoppte. Ein Knacken und ich war allein.

Danach blieb nur noch ich. Die Ahnen würden ihn mir den Freitod schon verzeihen, das wusste ich, aber dazu brauchte ich zuerst eine Idee, um das überhaupt zu schaffen. Der alte Imker hatte, nachdem er eines Morgens einen Nachtkrabb im Brustkorb seiner Lieblingstochter fand, seinen eigenen Kopf solange gegen die Wand geschlagen, bis er zu Boden ging. Den Tod brachte es ihm jedoch nicht, dafür aber lebenslange Kopfschmerzen und ein zuckendes Augenlid. Ich musste klüger vorgehen.

Da tat Frau Hod hinter den Gitterstäben etwas, was mich innehalten ließ. Sie entfachte noch einmal das Feuer, setzte aber nicht den Kessel auf. Sie machte von vorne herein keine Anstalten, noch etwas essen zu wollen. Stattdessen zog sie unbeholfen ihr Wams aus einer Ziegenherde aus und entließ ihre riesigen, schweißnassen Brüste, so groß wie kleine Hütten, in die warme Luft, damit sie dort im Feuerschein glänzten. Ich sah Brustwarzen, aus denen ein ausgewachsener Ochse hätte trinken können. Zugegeben, ich hatte bis dahin nicht einmal überlegt, ob Riesinnen überhaupt einen Busen haben.

Nein, das war gelogen. Ich hatte es mir nur zu oft vorgestellt.

Die halbnackte Riesin wirkte anders, als ich dachte. Sie berauschte mich. Schlagartig. Diese riesigen, mannshohen Brüste waren perfekt. Ich hätte auf ihnen tanzten und mich mit ihnen zudecken können oder auf ihren Brustwarzen sitzen, während Frau Hod – die Frau von niemandem mehr – aufrecht stand. Ebenso war ihr Rest ihres Körpers auf einmal wie ein Wasserfall aus glühender Schönheit. Da waren Muskeln, zwei Männer lang und breit wie ein Kind, die den gewaltigen Armen entlang fuhren und in riesigen, durch und durch kräftigen Fingern endeten.

Ich weiß nicht, ob sich mein Verstand vor Angst und Trauer in den Wahnsinn floh oder ob sie etwas Dunkles, Verborgenes in mir weckte, aber mir wurde warm, schweißtreibend heiß. Diese Frau war alles, was ein Mann vom Völkersend wollte. Groß und stark und breit. Ihr Gesicht war auch nicht hässlicher als früher, nicht mehr, sondern schlicht durch Verzicht, Hunger und noch mehr Muskulatur geprägt. Was ich zuerst als Falten erkannt zu haben glaubte, waren nun markante, kampfgezeichnete Züge und unter ihren Augenlidern warteten tiefe, alles verschlingene Tore, umrandet von blauen Pupillen.

Sie musste meinen starrenden Blick wohl erkannt haben, denn sie zuckte auf einmal schüchtern zurück und legte sich den linken Arm vor diesen Massen eines Busens. Nein, verstecke ihn nicht, bat eine Stimme in meinem Innern. Wie kann so ein Wesen, eine Riesin, die Burgmauern durchdringt und Dächer von den Häusern reißt, nur schüchtern sein?

Mein Wunsch ging in Erfüllung. Aus Schüchternheit wurde Neugier und aus ihr wuchs mehr. In ihren Augen lag plötzlich Lust. Auf mich.

Ihre Handfläche wurde vom scheuen Versteck zur spielenden Geliebten. Sie streichelte ihren weichen, massigen Busen. Finger, breit wie Säulen, zerdrückten ihre Brustwarzen. Sie stöhnte erregt durch die ganze Halle und arbeitete mit der anderen Hand an ihren Beinkleidern. Als sie sich von diesen befreit hatte, wurde mir schwindelig. Ich musste mich an den Gitterstäben festhalten, um nicht auf die Leichen unter mir zu sinken. Auf ihr Gebirge von einem Busen folgte ein unscheinbarer, in Muskulatur versunkener Bauchnabel und darauf ein genauso perfektes Becken. Hunger hatte die Haut darüber gestrafft und Muskeln die steinernen Beine und den Schoß perfekt geformt – nein, gemeißelt. Wenn sie den Schenkel nur ein wenig bewegte, sah ich ihre Sehnen mit einer Wucht arbeiten, die Baumstämme durchgebrochen hätte. Wohl auch hat, wenn ich mir ihre Feuerstelle aus Eichenstämmen ansah. Im Zentrum von all dieser Kraft und dieser gewaltigen Weiblichkeit wartete schließlich ihr Heiligtum. Eine dünne blonde Scham, fast unsichtbar, verbarg nur unmerklich das, was ich so sehr begehrte: Einen Venushügel groß wie ein Tisch. Ich weiß nicht, wie lange ich mir schon auf den Finger biss.

Wäre sie eine Menschenfrau gewesen, hätte sie mit ihrem üppigem Busen und ihren kräftigen, steingemeißeltem Körper schon zu den wahren Kriegerschönheiten gezählt, aber als Riesin, als gewaltige Überfrau war sie nur umso berauschender.

Eher nebenher als gewollt fiel mir auf, dass sie draußen nicht nur ihr Geschirr, sondern auch sich selbst gewaschen hatte. Für uns. Wir, die Männer, waren kein Nachtisch, oder noch nicht. Wir waren Geliebte. Nein, ich! Ich war ihr Geliebter! Nur ich!

Zuerst streichelte sie sich. Ihre Hände griffen nach allem, was sie erregte. Ein Finger tanzte um ihre Brustwarzen, dann knetete sie gleichzeitig in ihrer Oberweite und in ihrem Schritt, mal sanft und gleich darauf kräftig und rau. Das war keine schüchterne Jungfrau, die sich im Badeteich selbst versucht, sondern eine Zerstörerin, die wusste, was sie wollte und wie sie es bekam. Auf jede Bewegung folgte zudem noch ein lautes, berauschendes Stöhnen. Laut genug, um den Wald um die Höhle herum in Erregung zu versetzen.  Schließlich reichten ihr ihre Hände nicht mehr. Sie setzte sich auf, kroch zu mir herüber und holte den Felsen von der Klappe. Ja, nimm mich!, forderte mein zerfließender Geist. Ich bin so sehr dein!

Es schien sie überhaupt nicht zu stören, dass zwei von uns längst tot waren. Sie ignorierte die beiden Körper zu meinen Füßen, nahm mich liebevoll in ihre gewaltigen Pranken, riss mir mit einer Handbewegung das Schlafgewand vom Leib und drückte mich tief in das Kissen ihrer Brust hinein.

Für einige, unendlich lange Momente war ich nichts weiter als ihr Spielzeug. Sie streichelte mich über ihren Busen und massierte mir den Rücken mit ihrer riesigen Faust, so dass ich fast erstickte, um mich danach zwischen ihren Brüsten zu begraben. Wir liebten uns innig. Meine Arme waren kaum so dick wie einer ihrer Finger, aber trotzdem kämpfte ich erbittert an ihren Brustwarzen, streckte sie und biss hinein. Ich wollte ihr wehtun, wohlwissend, dass ich das nicht konnte. Eine Haustür von einer Zunge umspielte mein Gemächt. Wäre es dabei abgerissen, wäre es mir gleich gewesen.

Das Spiel wurde lauter und heißer. Ihre Haut schien zu glühen, während ich über einen Film von Schweiß rutschte. Sie stöhnte nur noch durchdringender. Meine Ohren schienen mit jedem Laut bersten zu wollen. Aus ihren lüsternen Schreien wurde ein dumpfes Summen, farbige Punkte tanzten vor meinen Augen. Ein Höhepunkt durchfuhr mich, gleich darauf ein zweiter, mit der Wucht eines Hammers, und ihr Körper bebte und zitterte.

In mitten von diesem Strom aus Erregung und Lust, suchten plötzlich ihre Finger nach mir und zogen mich von ihren Brüsten weg nach unten. Ich passierte den Bauchnabel, sie hielt mich fest umklammert und ließ mich mit den Füßen voran in ihre kochend heiße Weiblichkeit eindringen. Sie drückte mich hinein, als Ganzes, so wie ich einmal aus meiner Mutter gekommen war.

Die Vulva einer willigen Frau gleicht dem Nüstern eines hungrigen Pferdes, hatte mein Großvater immer gesagt. Wie Recht er doch hatte.

Ihre arbeitete. Anders kann ich es nicht beschreiben. Sie griff nach mir und verschlang mich. Ich konnte nicht reagieren, ich wusste auch nicht wie, während mich diese riesigen Lippen fraßen, zuerst meine Beine, meinen Bauch, schließlich meine Schultern und meinen Kopf, bis der letzte Finger in der Riesin verschwunden war. Umgeben von Wärme und Geborgenheit, von Lust und Sünde und all meinen dunklen, begierdigen Seiten, ließ ich mich tiefer und tiefer in die Riesin hineintragen.

***

  Ich weiß nicht, wie ich überlebt habe.

Der Morgen graute, als ich mich aus dem nahegelegenen Fluss kämpfte. Wie ich dort hingekommen bin, kann ich nicht sagen. Vögel zwitscherten, das Echo eines Spechts hallte durch die Bäume. Ich war nackt, fror aber nicht. Im Gegenteil, ich dampfte sogar.

Nach meinem Erwachen irrte ich stundenlang durch den Wald und erreichte bis Mittag den zerstörten Hof meiner Familie. Die meisten von uns hatten überlebt. Die Vermissten hielten sich in Grenzen: Meine Brüder, deren Frauen und Kinder, gerade einmal drei – nein, zwei – Männer und vier Frauen. Man weinte bittere Tränen, als ich erklärte, dass sie alle nicht wiederkommen würden.

In den nächsten Tagen half ich ein wenig bei dem Wiederaufbauarbeiten. Der Priester wollte als Einziger Genaueres von der Nacht in der Höhle wissen, was er aber nie erfuhr. Gäste kamen an unseren Hof, die ich nicht empfangen wollte und man organisierte eine Jagd, an der ich nicht teilnahm. Frau Hod schien wieder geflohen zu sein, sagte man mir später, von den Leichen meines Vaters und meines Bruders fehlte allerdings jede Spur. Wahrscheinlich dienten sie ihr als Wegzehrung. Ihr Angriff bewirkte aber, dass man ab jetzt wieder mehr Späher an die Grenze zu den Schatterbergen schickte. Sollte sie eines Tages wiederkommen, würde man sie gebührend empfangen, verkündete man. Was sie natürlich nicht tat.

Einige Wochen später kam ein größerer Trupp Skrälinger aus den Bergen geflohen. Sie zeigten sich als sehr gute und vor allem sehr verzweifelte Kämpfer; es kam zu einem Massaker, vier von uns starben, achtzehn von ihnen und ihre Kinder endeten als Mordproben für unsere. Wenig darauf traf das ein, wovor die Wilden geflohen waren: Eine Rotte Kopfloser, die den Hof der Waffenschmiedsfamilie überrannte und alle tötete. Das Leben kehrte sehr bald zu der alten Mischung aus Angst und Tod zurück.

***

Seit … der Riesin, seitdem sind viele Jahre vergangen.

Im Dorf nennt man mich schon lange einen gebrochenen Mann und seiner gequälten Seele müde. Man hat mich aufgegeben und füttert und pflegt mich, weil das so Tradition ist und weil es unseren jungen Kriegern zeigt, dass wir niemanden zurücklassen, ganz gleich wie sehr ihn der Kampf gegen die Nachtwandler und die Niederwesen prägt.

Wie es um meine Seele steht, fragt niemand, nicht einmal der neue Priester. Sie alle wissen, dass sie es nicht wissen wollen und das ist auch gut so. Mir wurde in den Wochen nach meinem Erwachen am Flussufer vieles bewusst: Ich weiß, ich habe mit der Monstrosität geschlafen, die zuvor meine Familie gefressen und meinen kleinsten Bruder zertreten hatte. Am Höhepunkt trennten meine Frau und mich vielleicht drei Ellen aus Gallert und Häuten, aber während ich mich dem Liebesspiel hingab, wurden ihre Knochen im sauren Magenwasser verdaut. In diesem Moment dachte ich nicht einmal daran, dass es so sein könnte. Ich weiß, dass ich diesen riesigen Körper genossen habe, ebenso dass ich mich von diesem Schrecken nie mehr erholen werde.

Und ich weiß, dass ein meiner Seele sich nichts sehnlicher wünscht, als ihn noch einmal zu erleben.

 

— Maex, 2008

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