Hätte ich, wenn ich, wäre ich

Maximilian Wust - Hätte ich, wenn ich, wäre ich,

Hätte ich, wenn ich, wäre ich
Ein Drama von Maximilian Wust

DIE MONSTER BÄNDIGEN.

So nannten er und Marcela das inzwischen.

Anders ließ es sich auch nicht beschreiben, wenn man die beiden Mädchen ins Bett bringen musste, was heute Lucas allein bewältigen musste. Allein gegen zwei Monster kämpfen, sie einfangen, bändigen, ins Bett zwingen und schlafen legen … und das am besten ohne Betäubungsgewehr!

Auch wenn Lucas sie liebte, über alles, Ana und Vitoria waren alles andere als Wunschkinder. Sicher, er hatte sich sein Leben lang Kinder gewünscht, ja sogar Töchter, aber keine zwei so wilden und selbstbewussten Mädchen ohne jeden Sinn für Grenzen. Ihnen die ganz normalen Alltäglichkeiten abzuverlangen, wie Zähneputzen, Bettgehen oder eine schmutzige Hose wechseln, konnte zu regelrechten Kämpfen werden, mit Festhalten, Zimmerarrest und endlosem, einfach endlosem Geschrei. Erst Recht, wenn Lucas wieder Überstunden machte und gegen Abend kaum noch die Energie besaß, den Fernseher einzuschalten. Heute musste er das also schnell hinter sich bringen, bevor sie ihm auch noch die letzten Kraftreserven ausgesaugt hätten und wieder bis sonst wann auf den Betten hüpften.

Während seine Töchter die Hamster fütterten, setzte er sich zu den beiden ins Zimmer, atmete tief durch und versuchte es zuerst mit Diplomatie: „So, ihr kleinen Monster, was kann ich tun, dass ihr heute friedlich ins Bett geht?“ – und das am besten gleich, hätte er am liebsten noch angefügt, hätte er damit nicht eine Revolution provoziert.

Ana, die ältere und Anführerin der beiden, stand vom Käfig auf. „Erzähl’ uns eine Geschichte!“, forderte sie.

Vitoria, die immer treue Komplizin ihrer großen Schwester, stimmte natürlich gleich zu: „Ja, eine Geschichte, Papai!“

Das war seine Chance! „Dann geht ihr aber jetzt sofort Zähneputzen!“, verhandelte er. „Und wenn ihr im Bett liegt, bekommt ihr eure Geschichte.“

Sie schlugen ein und huschten quietschvergnügt und anscheinend voller Vorfreude ins Badezimmer. Das Geräusch von laufendem Wasser, Mädchenlachen und dieses monotone Schrubben der Zahnbürsten folgten. Musik in den Ohren eines müden Vaters.

Lucas seufzte und ließ sich tiefer in den Sessel sinken. Wenn er dieses winzige Zimmer der Mädchen studierte, staunte er jedes Mal, wie seine Familie hier zwei Betten, einen Schrank, einen Hamsterkäfig und einen kleinen Sessel untergebracht hatten.

Noch war das Zimmer groß genug. Noch waren sie kleine Mädchen und hatten noch kein Interesse an Selbstverwirklichung, an mehr Raum für sich selbst und an Jungs. Aber das würde eines Tages kommen …

Lucas’ Einkommen reichte gerade so, um diese kleine Wohnung zu bezahlen und mehr würde er auch in Zukunft nicht verdienen. So etwas wie eine Beförderung oder ein besserer Job war einfach nicht möglich. Schlimmer noch: Was wäre, wenn er irgendwann gekündigt wurde? Wenn eines Tages ein Roboterarm aus den USA Lucas‘ Job machte?

In solchen Momenten dachte er sofort an etwas anderes. An Açai mit Salz oder seinen Cousin aus Recife, der ständig davon sprach, Lucas mit in seine Werkstatt zu holen. Was wäre, wenn er und seine Familie eines Tages das Angebot annehmen würden? Dort würde er zwar nicht mehr verdienen, aber es könnte … die Karten neu mischen, neue Chancen eröffnen. Oder einfach nur neue und noch mehr Probleme schaffen.

***

Die Töchter kehrten kichernd zurück und kletterten in ihre Betten.

„Jetzt kommt die Geschichte!“, forderten sie gemeinsam ein.

„Welche wollt ihr denn hören?“

Das hatten sie sich natürlich noch nicht überlegt. Ana, die Chefin und alleinige Entscheiderin aller Dinge, kehrte schnell in sich und antwortete: „Du hast uns mal erzählt, dass du dich einmal für Mama entscheiden gemusst hast.“

Lucas zögerte. „Und die Geschichte wollt ihr zum Bettgehen hören?“

„Ja, das wollen wir!“

Ihr Vater lachte durch die Nase und nickte. „Na gut. Wenn ihr dann wirklich schlafen könnt’:

Mama und ich waren bald drei Jahre zusammen. Zweidreiviertel, bald drei wirklich einfache Jahre. Euer Papai und die Mama haben sich nie gestritten, sie haben nicht mal laut diskutiert. Aber sie hatten auch ganz wenig gemeinsam. Der Papai ist immer ausgegangen, mit seinen Freunden, in die Kneipen und zu den Festen am Fußballplatz, wo sie immer diese laute Musik spielen. Mama blieb lieber daheim und hat ihr Stupsnäschen in ihre Bücher gesteckt. Für Papai war es mit ihr so als … als würde man in Watte baden.“

„Watte?“, wiederholte Ana. „Das ist doch das, mit was sich Mama immer die Schminke abwischt. Damit wird man doch nicht sauber!“

„Stimmt. Es ist total gemütlich und super flauschig, aber irgendwie halt doch kein richtiges Bad. So hat sich euer Papai gefühlt. Er hat sich gedacht, dass da was fehlt. Dass es sich nicht echt anfühlt. Und dann begegnete er bei einer Feier am Fußballplatz auch wieder der Rika. Rika von früher. Rika, die Böse. Rika, mit den Haaren wie das Meer. Rika, in die euer Papai die ganze Schulzeit lang verknallt war. Sie hatte sich kein bisschen verändert. Wollte immer feiern, immer Spaß haben, auch mal verreisen. Das fand Papai an ihr immer so toll.

Er und sie trafen sich danach noch ein paar Mal, nicht zum Schmusen, nur als Freunde, verstanden sich aber ganz toll. Wie eben beste Freunde! Aber als Rika dann auch noch dem Papai gesagt hat, dass sie mit ihm gehen will – also, dass sie ihn solange küssen und schmusen will, bis er sie heiratet – wurde es kompliziert. Darüber musste der Papai nachdenken. Was wäre wenn, hat er überlegt. Was wäre, wenn er mit der Mama zusammenbleibt? Mit ihr wird er sicher eine Familie gründen und ein ganzes Leben zusammen sein können, aber vielleicht trotzdem nie glücklich sein. Wird er sich dann nicht sein Leben lang fragen, wie es gekommen wäre, wenn er mit Rika Abenteuer erlebt hätte? Da hat lange drüber gebrütet. Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen. Irgendwann hat die Mama dann gefragt, was denn los ist, er erzählte ihr von seinem Dilemma und sie meinte, lieb wie sie nun mal ist: Ich liebe dich, aber kann dir nicht geben, was sie dir bietet. Sei bitte ehrlich: Du hast dich doch schon entschieden, stimmt’s?

Ana starrte ihren Vater erschrocken an. „Und wie hat sich der Papai entschieden?“, fragte sie, mit einem Unterton der Verzweiflung.

„Er ist zu Rika gegangen und sie verbrachten einen tollen Sommer miteinander. Sie sind weggefahren, sie haben viel getanzt, sie haben oft geschmust … aber trotzdem nie geheiratet. Hochzeit und Kinder – das wollte die wilde Rika eigentlich nie. Sie will für immer weiterfeiern, hat sie gesagt, und nie alt und langweilig werden. Das ist sie wohl auch nicht geworden.

Als der Papai mal laut drüber nachgedacht hat, wie die die Zukunft aussehen kann, fingen die Streits an. Es ging ganz schnell zu Ende: Rika wurde laut, der Papai wurde laut und auf einmal waren sie kein Liebespaar mehr. Ganz plötzlich, von einem Tag auf den nächsten und Rika hat auch schon einen guten Freund vom Papai geschmust. Da ist ihm klar geworden, diesem dummen Trottel, dass er einen Fehler gemacht hat. Er hat die beste Frau der Welt weggeschickt, um ein Abenteuer zu erleben und ist zum Schluss nur selbst eins von vielen geworden. Als er das verstand, lief er zur Mama. Durch die Nacht. Durch einen Regensturm. Er wird sie um Verzeihung bitten, sagte er sich noch. Er wird auf Knien vor ihr weinen und ihr ein Bett aus Blütenblättern bauen, wenn’s sein muss. Er wird sie zurückholen!“

„Hat er es ge‘hafft?“, fragte die kleine Vitoria.

„Ja klar!“, fauchte Ana. „Märchen gehen immer gut aus!“

Lucas schüttelte den Kopf. „Leider war das aber kein Märchen. Der Papai rannte bis zu ihr nach Hause, aber da war sie schon nicht mehr da. Sie ist gegangen, erzählte der Papai von der Mama. Gleich nachdem euer Papai sie weggeschickt hat, lernte sie einen anderen Mann kennen, der wohl ganz toll gewesen ist, und verließ mit ihm die Stadt. Der Papai hat sie nie wieder gesehen.“

Lucas schluckte schwer. Diese alte Geschichte wieder hervorzuwühlen, schmerzte ihn doch mehr, als er erwartet hätte. „Das ist viele Jahre her. Der Papai … ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, ob sie Kinder hat oder ob sie überhaupt noch lebt. Also, leben wird sie sicher noch. Ich meinte damit nur, dass sie genauso gut tot sein könnte und ich wüsste es nicht.“

Die Mädchen schwiegen. Das war nicht die Geschichte, die sie hören wollten.

„Aber Papai, wenn du und Mama nie geheiratet haben, wie sind dann wir entstanden?“

Lucas schloss die Augen und ließ sich entgültig im Sessel versinken, so dass er fast von dem weichen Material verschlungen wurde. „Es gibt da einen Gedanken, der mich bis heute nicht mehr los lässt: Was wäre, wenn ich nicht Hals über Kopf was mit Rika angefangen hätte? Wäre ich dann noch mit Marcela zusammen? Hätte ich sie geheiratet? Hätte ich Töchter wie euch bekommen?“

Wäre Lucas dann nicht zu seinem Cousin nach Recife gezogen, sondern vielleicht in einer der Fabriken am Rand seiner Heimatstadt untergekommen? Wäre er zufriedener?

Was wäre, wenn?

– Maxx, 2003

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